Kultur : Mitmachwerk

Von Youtube ins Kino: „Die Erde an einem Tag“

von
Foto: dpa/rapid eye movies
Foto: dpa/rapid eye moviesFoto: dpa

Auf dem Youtube-Channel von „Die Erde in einem Tag“ kann man sich für ein freiwilliges Marketingteam melden, um den „faszinierenden Film gemeinsam so vielen Menschen wie möglich nahezubringen“. Ob es das gleiche Team ist, das aus dem durchaus kritischen Tagesspiegel-Artikel zur Berlinale-Premiere des Films nur die Zitatbrocken vom „faszinierenden Dokument“ und „einzigartigen Filmexperiment“ in seine Pressestimmen-Galerie aufnahm? „Life in a Day“, so der Originaltitel, geriert sich wie ein globales Graswurzelprojekt, operiert aber auf ähnlich kommerzieller Basis wie andere Internet-Plattformen, die nutzergenerierte Inhalte zum eigenen Gewinn vampirisieren. Weil der von Youtube koproduzierte 95-Minuten-Film aber auch auf eine Kinoauswertung erpicht war, holte man sich mit den Brüdern Ridley und Tony Scott zwei gestandene Filmproduzenten an die Seite.

Der Rohstoff: eben solche Videoclips, wie sie auf Youtube millionenfach gratis existieren. 80 000 kamen laut Pressemitteilung zusammen, nachdem die Plattform aufgerufen hatte, bewegte Bilder eines einzigen Julitags 2010 für das Projekt einzureichen. 4 500 Stunden Material aus 192 Ländern der Erde kamen zusammen, und man brauchte ein ganzes Heer von Filmstudenten zum Vorsortieren sowie sieben Monate Schnittzeit für das Team um Regisseur Kevin Macdonald und Cutter Joe Walker. Dabei wurden die Videos auf clipübliche Zeitschnipsel verkürzt und das Material chronologisch nach Tageszeiten und assoziativ nach Themenkomplexen wie Geburt, Liebe, Babys, Mahlzeiten, Arbeit und Tod geordnet. Regional wurde kräftig durchgemischt, auch wenn die englischsprachigen Beiträge deutlich dominieren und das Endergebnis aussieht wie ein Grundkurs in MainstreamKino: Mit welchen Tricks schaffe ich es, aus bunt disparaten Zutaten ein Menü mit dem Hollywood-Einheitsgeschmack zu kreieren? Einer davon ist die von Harry Gregson-Williams („Die Chroniken von Narnia“) und dem Elektronik-Produzenten Matthew Herbert beigesteuerte klebrige Musiksoße, die selbst ein unschuldig auf dem Wasser tanzendes Papierschiff zu Kitsch degradiert.

So nehmen sich viele Szenen gerade aus den abgelegeneren Regionen des Planeten gerade so aus, als hätte die Regie beim exotischen Appeal dieser „Family of Man“-Schau nachgeholfen – und das hat sie auch, mit ein paar in die Welt ausgesandten professionellen Filmteams. Mit etwas verschwörungstheoretischer Fantasie lässt sich auch ausmalen, dass das ganze schöne Die-Welt-an-einem-TagKonzept einfach eine clevere Marketing-Idee für Youtube sein könnte. Billiger als per Online-Aufruf dürfte sich jedenfalls kaum an so vielfältige und bunte Bilder aus aller Welt herankommen lassen. Silvia Hallensleben

fsk am Oranienplatz (OmU), Hackesche Höfe, Lichtblick

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben