MITTAGS UM 12 IN DER GEMÄLDEGALERIE : Von wegen tote Hose!

Lavendelduft weist den Weg zu den alten Meistern: Wer am

Kulturforum in die Sigismundstraße einbiegt, angelockt vom großen, knallroten Plakat, auf dem ein weißer Pfeil aufwärts zur Gemäldegalerie weist, passiert eine gepflegte Rabatte, die provenzalisches Parfum verströmt. Eine schöne olfaktorische Einstimmung.

Und doch werden die Füße mit jedem Schritt hinauf schwerer – in Erwartung der öden Leere in der Eingangshalle. Bei den letzten Besuchen hier war das Bewachungspersonal stets in der Überzahl. Doch was ist das? Menschen, in deutlichem Plural! Man möchte es fast Gewusel nennen. Junge Französinnen fallen auf beim Näherkommen, ein fashionabler Endzwanziger mit Hütchen und Pilotenbrille, spanische Studenten. Auf einer Bank an der Treppe gibt ein Großvater seinem Enkel die Flasche, linkerhand macht ein Krückenmann Rast. Im kantinenartigen Museumscafé sind viele Tische besetzt – und vor der Kasse hat sich tatsächlich eine Schlange gebildet! Okay, nur acht Leute, aber selbst die winzige Wartezeit gibt einem das Gefühl, einen bedeutenden Ort zu besichtigen.

Die Berlinbesucher sind offensichtlich findiger, als allgemein angenommen. Oder die Reiseführer haben mittlerweile ihren Beschreibungen von den Schätzen der Gemäldegalerie praktikable, detaillierte Wegbeschreibungen beigegeben. Auch in der schönen weiten Wandelhalle herrscht babylonisches Sprachgewirr. Da ist die italienische Mittelgroßfamilie mit mauligen Bambini, da ist die südamerikanische Reisegruppe. Zwei Briten überlegen, ob sie erst zu Lorenzo Lotto gehen wollen oder gleich zu Tizian.

Ein Teenager lauscht im Saal mit den Renaissance-Madonnen seinem Audioguide, ermattete Kleinkinder werden auf dem Arm getragen, Bildungsbürger streifen paarweise umher, Rentnerinnen-Trupps kreuzen ihren Weg, eine Mutter klärt ihren Filius über barocke Symbolik auf. Draußen schlägt es Mittag. High Noon in der Gemäldegalerie.Natürlich ist voll etwas anderes. Natürlich gibt es hier keine Menschentrauben vor den Highlights, wie man das aus vergleichbar bedeutenden Sammlungen in London oder Paris kennt. Aber der Ort wirkt an diesem wetterwendischen Donnerstag belebt, benutzt, gebraucht. Also doch!

Auf dem Rückweg ins Büro noch ein kurzer Blick in die Neue Nationalgalerie: Im leeren, weiten Mies-van-der- Rohe-Bau stehen zwei Wärter vor Paul McCarthys „The Box“ und starren betrübt auf die Drehtür, die keiner in Bewegung setzen will. Frederik Hanssen

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