Mittelalteraustellung : Seltener Ausflug für "das schönste Buch"

Der Codex Manesse geht nach langer Zeit wieder auf Reisen. Er verlässt für die Magdeburger Ausstellung "Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation" erstmals seit 15 Jahren seinen Tresor in Heidelberg.

Magdeburg - Die kostbarste und berühmteste Bilderhandschrift des Mittelalters wird erstmals seit 15 Jahren aus dem klimatisierten Tresor in der Heidelberger Universitätsbibliothek herausgeholt, in säurefreies Papier eingewickelt und bald in eine eigens für die Reise nach Magdeburg hergestellte Transportkiste verpackt. Der Direktor der Universitätsbibliothek Heidelberg, Veit Probst, hat der Reise zugestimmt, "weil das Museum in Magdeburg über eine Ausstattung verfügt, die höchsten konservatorischen Ansprüchen genügt". Außerdem sei zu erwarten, dass die Magdeburger Ausstellung eine der bedeutendsten Mittelalterausstellungen dieses Jahrzehnts werde.

"Die Kiste ist klimatisiert, feuerfest und erschütterungsfrei. Sie entspricht allerhöchsten Standards", sagt der Sprecher der Magdeburger Ausstellung "Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation", Alexander Schubert. "So ähnlich wie die Black Box im Flugzeug". Die Kiste werde in einem klimatisierten Transporter auf die Reise geschickt. "Das ist wie mit Gefriergut, die Kühlkette darf nicht unterbrochen werden", ergänzt Projektleiter Claus-Peter Hasse.

Er freut sich schon auf den Augenblick, wenn die aus dem 14. Jahrhundert stammende Handschrift mit dem Ruf des "schönsten Buches der Welt" wohlbehalten im Magdeburger Kulturhistorischen Museum ankommt. Dort werde die Schrift nicht sofort in die Vitrine gepackt. Erst soll sie sich 24 Stunden an die neue Umgebung gewöhnen.

Alle drei Wochen wird umgeblättert

Für den 105 Tage dauernden Aufenthalt der rund 600 Jahre alten Schrift in Magdeburg vom 28. August bis 10. Dezember ist alles gerichtet. "Es wird extra eine Buchwaage angefertigt, auf die das umfangreiche Werk gebettet wird." Sowohl der Neigungswinkel zur Vitrine als auch der Aufschlagwinkel ist vorgeschrieben. "18 bis 20 Grad sollen herrschen und 55 Prozent Luftfeuchtigkeit. Der Codex Manesse wird mit 50 Lux beleuchtet."

Im Leihvertrag ist eine Bedingung aufgenommen, die viele Museumsbesucher zum Wiederkommen animieren wird. Alle drei Wochen sei Umblättern angesagt, damit die gezeigte Seite nicht so sehr beansprucht wird, erklärt Schubert. Dann kommt extra ein Restaurator aus Heidelberg, zieht weiße Baumwollhandschuhe über und schlägt die neue Seite auf. So werden insgesamt fünf Seiten der berühmten Handschrift zu sehen sein. Drei stehen schon fest: der Minnedichter Walter von der Vogelweide, der "singende Kaiser" Heinrich VI. und der Tannhäuser. "Es haben sich schon viele Wagner-Freunde angemeldet, die sich die Quelle der Inspiration des Komponisten in der Welt des Minnesangs ansehen wollen".

Umfassende Mittelalterausstellung

Insgesamt 137 Minnesänger sind in der Handschrift zu sehen und Texte ihrer Lieder. "Alles, was wir über Minnesang wissen, hängt unmittelbar mit dem Codex Manesse zusammen", sagt Mittelalter-Experte Schubert. Fast 6000 Strophen aus dem 12. und 13. Jahrhundert sind dort verzeichnet.

Doch nicht nur der Codex Manesse unternimmt eine spezielle Reise zur umfassenden Mittelalterausstellung, in der ausschließlich Originale aus der Zeit von 962 bis 1500 gezeigt werden. Spektakulär dürfte auch der Transport des Mantels von Kaiser Otto IV. aus roter byzantinischer Seide werden. Er darf nicht gefaltet werden und muss mit Vitrine den Weg vom Braunschweiger Herzog-Anton-Ulrich-Museum zur Ausstellung antreten. Für die aus dem Metropolitan Museum New York ausgeliehene Elfenbeintafel "Majestas domini" mit der Darstellung Kaiser Otto des Großen ist extra eine Elfenbeintransportgenehmigung erforderlich. (tso/ddp)

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