Mittelalterliche Welt : Guerillataktik

Der Film "Son of a Lion" von Benjamin Gilmour zeigt eine brutale Welt: Blutrache, Waffenfetischismus, rigider Ehrenkodex - keine günstigen Bedingungen für den elfjährigen Niaz, der die Kunst liebt.

Andreas Conrad
Son of Lion
Ein farbenfroher Film. -Foto: promo

Die Kalaschnikow rattert, das Spiel beginnt. In rasender Folge werden die Patronenhülsen ausgeworfen, nur wer flink ist, kann sie erhaschen. Anderswo werfen Kinder sich Bälle zu, hier in Darra Adam Khel, im Nordwesten Pakistans, fangen sie Hülsen, immer wenn ihre Väter neue Waffen testen. Früher wurden in der paschtunischen Kleinstadt wohl Dolche und Säbel hergestellt, heute baut man, Globalisierung auch dies, in Handarbeit AK-47 oder M-16 nach.

Eine mittelalterliche Welt: Waffenfetischismus, Blutrache, rigider Ehrenkodex, Fundamentalismus – keine günstigen Bedingungen für den elfjährigen Niaz, der ausbrechen will, zur Schule gehen, Musik studieren. Nahezu selbstmörderische Voraussetzungen aber für Benjamin Gilmour, der genau daraus einen Film machen wollte, im Stammesgebiet der Paschtunen, mit Laiendarstellern, weitgehend geheim, bedroht von den Behörden wie den Taliban. Und doch hat der 33-jährige Australier mit seinem Debütfilm „Son of a Lion“ es geschafft.

Zur Tarnung gedreht auf einem Camcorder, ist die Bildqualität nicht gerade brillant, auch Schauspielerführung oder Erzähltempo entsprechen nicht gewohntem Standard. All das verblasst vor der Intensität, mit der Gilmour das Porträt eines um Individualität ringenden Jungen zeichnet, vor der Authentizität der Geschichte, der Sensibilität, mit der es dem Regisseur gelingt, die fremde, bedrohlich wirkende Welt der Paschtunen einzufangen, ohne jede Herablassung, mit einem Verständnis, als gehöre er selbst dazu. So hat er nicht weniger als ein Gegenstück zu Marc Forsters „Drachenläufer“ geschaffen, nur eben nicht als Hollywood-Megaproduktion im sicheren China, sondern im Alleingang, aus der Hüfte geschossen in der fast dokumentarisch abgebildeten Wirklichkeit.

Damit gefährdete Gilmour neben sich zugleich alle, die mit ihm zusammenarbeiteten. Wie guerillahaft er auch auftrat, ein Restrisiko blieb, allen war das bewusst. Aber das Vertrauen, das die paschtunischen Großfamilien in ihn gefasst hatten, überwog. Und zugleich, schildert der Regisseur, hat die Mehrheit genug von Krieg und Terror, sah eine Chance, das von Islamophobie geprägte Bild geradezurücken, das sich der Westen mache.

Kurz vor dem 11. September war der in Mönchengladbach geborene Australier, der erste Erfahrungen mit dem Filmemachen als Rettungssanitäter bei Dreharbeiten machte, zum ersten Mal in Darra gewesen. Dort lernte er einen Jungen kennen, der das Vorbild für seinen Helden wurde. Später kehrte er für acht Monate zurück. Ein einheimischer Grundbesitzer wurde sein Executive Producer, gab Tipps fürs Drehbuch, besorgte Darsteller, darunter seinen Sohn für die Hauptrolle. An ihm liegt es nun , ob der Film in Pakistan je offiziell gezeigt wird. Dieses Recht hatte er verlangt, zur eigenen Sicherheit. Allerdings, gegen eingeschmuggelte Raubkopien ist er machtlos.

Heute 12.30 Uhr (Arsenal 1), 14. 2., 22.45 Uhr (Cubix 9)

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