Kultur : Mittelmeer am Öresund

ROLF BROCKSCHMIDT

Friedlich dümpeln die Segelyachten am Kai, die Sonne strahlt auf die weißen Fassaden der Häuser, Menschen flanieren auf der Uferpromenade, die kleinen Cafeés haben die Stühle ins Freie gestellt, die Menschen genießen im Sonnenlicht die angenehme Brise. Kein Auto stört die Flaneure, der Kai ist Fußgängerzone. Mediterran mutet die Szenerie an, doch Norra Hamnen liegt nicht am Mittelmeer, sondern am Öresund.Wenn man vom dänischen Helsingör zum schwedischen Helsingborg übersetzt, leuchtet einem gleich links von der Hafeneinfahrt das weiße Band des neuen Stadtteils Norra Hamnen (Nordhafen) entgegen. Wo einst parallel zur Wasserfront die Bahngleise zum Fährbahnhof Helsingborg verliefen, kleine Werften ihre Schuppen hatten und Altgerät lagerten, erstreckt sich heute ein neues Viertel von hoher Wohnqualität, das nun im Zentrum der Wohn- und Designausstellung "H 99" steht.Die Bahngleise wurden unter die Erde gelegt, ein neuer Bahnhof mit einem neuen Fährterminal kombiniert. Dreizehn Jahre lang hatte man heftig diskutiert in der Stadt, was mit diesem Gelände zu geschehen habe. In der Innenstadt, die nur wenige Gehminuten entfernt liegt, fürchtete man ein neues Zentrum, das den Geschäftsleuten schaden würde. Am Ende des Diskussionsprozesses einigte man sich auf das Motto "Es ist Ihr Haus, aber unsere Stadt", um zu einer qualitativ hochstehenden und verträglichen Architektur zu kommen, die die Interessen der künftigen Bewohner und der Stadt berücksichtigt.Drei Wohnungsbaugesellschaften und neun Architektenbüros aus Schweden und Dänemark haben bis jetzt 13 Häuser mit 360 Wohnungen gebaut, die sich alle an einem vorgegebenen Plan orientieren, aber das Thema variieren. Alle Häuser bestehen aus drei Teilen, einem zur Meerseite hin hohen Turm mit bis zu acht Stockwerken, einem Mittelhaus mit vier und einem niedrigeren Parkhaus mit drei Etagen, das die Anbindung zur Stadt schafft. Alle Häuser liegen mit ihrer schmalen Seite in Ost-West-Lage zur Wasserfront. Durch einen trapezförmigen Grundriß hat man von allen Wohnungen aus Meerblick.Die zur Landseite hin abgestuften Baukörper erinnern an ein Schiff, der maritime Charakter der Anlage wird vor allem bei dem Gebäude von Inger Thede und Frederik Almlöf von Michelsen Arkitekter, Helsingborg, deutlich. Großzügig geschwungene Balkons haben etwas von einem Dampferdeck, und die schwungvollen runden Erker erinnern stark an das Berliner Shell-Haus. Balkons, Erker, Wintergärten und viel Glas ergeben lichte Räume, bei deren Grundrißlegung die künftigen Bewohner, sofern es um Eigentumswohnungen geht, mitreden konnten. Wem der offene Übergang der Zimmer nicht gefällt, der kann in vielen Häusern durch in die Wand eingelassene Schiebetüren schnell wieder seperate Wohnräume schaffen. Es ist gerade diese Flexibilität, gepaart mit den in Schweden üblichen Wandschränken, die den Bewohnern viel Gestaltungsraum lassen.Der Blick aus allen Wohnungen geht aufs Meer, im vordern Teil ist das Hamlet-Schloß Kronborg im dänischen Helsingör gegenüber gut zu erkennen. Wo einst die Schiffe der Werft festgemacht hatten, befindet sich nun seit März ein Yachthafen mit seperater Zufahrt und einer Mole auf der gegenüberliegenden Seite.Die Stadt hat bei der Planung des Viertels großen Wert darauf gelegt, daß die einzelnen Blöcke individuell gestaltet werden und so der monotone Siedlungscharakter vermieden wird. Zwischen die Häuser hat man zur Promenade hin sogenannte "Böse Kinder", kleine, futuristisch anmutende Pavillons, gebaut, die zum Teil von den Bewohnern für Veranstaltungen genutzt werden können, zum Teil beherbergen sie Cafés oder Büros.Um die Privatspähre der Bewohner zu schützen, wurde das Erdgeschoß um einige Treppenstufen höher gelegt, die wie eine Barriere wirken und den "Durchgangsverkehr" abhalten. Vor dem zentralen Platz befinden sich das Konzerthaus und das Stadttheater, die ebenfalls traditionell in Weiß gehalten sind. Die Straße, die hinter diesem Kulturviertel parallel zum Nordhafen verlief, wird nun allmählich in einen grünen Parkstreifen verwandelt, in dem über einhundert Bäume gepflanzt werden.Auf die Freifläche, die "H 99" noch bis Ende August für Erlebniszonen für Kinder nutzt, wird später einmal das neue Stadtmuseum gebaut, an das sich weitere Wohnblöcke anschließen, die dann unmittelbar an den Fährhafen anschließen. "Man braucht hier kein Fernsehen mehr", schwärmt ein Mitarbeiter einer Wohnungsbaugesellschaft, "auf dem Öresund ist soviel los, ständig ziehen hier Schiffe vorbei, das Wetter ändert sich laufend, es ist phantastisch."Helsingborg, das durch die Fährverbindung mit Helsingör jährlich 18 Millionen Passagiere als Transitgäste erlebt, muß sich etwas einfallen lassen. Der Öresund gilt jetzt schon als die Boomregion in Nordeuropa - gleich nach Berlin. Verstärken wird sich das durch die Brücke, die im nächsten Jahr Malmö mit Kopenhagen verbindet. Doch die Helsingborger und Helsingörer sind optimistisch: "Wir kennen uns seit Jahrhunderten, die da unten müssen sich erst kennenlernen." Aber es wird daran gearbeitet. Die nächste große Bau- und Wohnausstellung 2001 findet in Malmö statt - im Hafengelände, auf einem viel größeren Terrain.

H 99, Helsingborg und Helsingör, bis 29. August.

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