Kultur : Mittelschicht macht krank

Tim Parks erzählt von seinem Prostataleiden

Klaus Siblewski

Das neue Buch von Tim Parks ist eine echte Herausforderung. Über viele Hundert Seiten erzählt der englische Schriftsteller von seinem Prostataleiden, von Schmerzen im Becken, von peinlichen ärztlichen Untersuchungen. Er beschreibt unterschiedlichste Formen von Schmerzen und führt Protokoll darüber, wie häufig er nachts auf die Toilette muss. Sein Buch ist also ein detaillierter Krankenbericht, aber sehr lesbar. Ein Kunststück. Der Grund: Parks hält sich streng an die Fakten – und trotzdem erfahren wir, wie sich die vielen Versuche, wieder zu einem Leben mit weniger Schmerzen zu gelangen, auf sein Gefühlsleben auswirken. Parks beschreibt die zähen Kämpfe um die schwierige Genesung als tragisches Psychogeschehen. Weshalb sein Buch unsere Aufmerksamkeit zu wecken vermag – trotz wuchernder Spekulationen über die Herkunft von Blähungen, über sich verspannende Muskulaturen, tröpfelnde Harnröhren etc.

In diesem Psychodrama begegnet uns Parks dann gelegentlich als literarische Figur aus seinen früheren Büchern: als ein Mann, dem es schwerfällt, die an ihn gerichteten Erwartungen zu erfüllen. In berührenden Passagen deutet er an, was ihn von seinem Vater, einem Pfarrer, der 59-jährig an Lungenkrebs starb, unterscheidet – und wie er sich doch mit ihm verbunden fühlt. Aus dem Abstand vieler Lebensjahre erkennt er, wie er inzwischen selbst nach den Normen der englischen Mittelschicht lebt. Er ist strebsam, pünktlich, will ein vorbildlicher Universitätslehrer sein – obwohl er aus Horror vor einem auf Leistung und Anerkennung ausgerichteten Leben schon früh nach Italien geflohen ist und England nur noch gelegentlich besucht. Mehrmals spricht Parks über seine über zwanzig Bücher, über seinen Schreibtrieb. Ihm dämmert: Er hat sich überfordert. Er stellt fest, dass er als rational argumentierendes Wesen keine Rücksicht auf seinen Körper genommen und der pragmatische Parks sich viel zu leicht über den emotionalen Parks hinweggesetzt hat. An Veränderungen aber denkt er nicht: Die Kunst des Stillsitzens genügt ihm.

Insofern hat Parks mit seiner Krankengeschichte noch etwas anderes geschrieben: die Trennungsgeschichte von seinem Vater und von jenem Leben in der englischen Mittelschicht, das ihn einst so plagte. Klaus Siblewski

Tim Parks: Die Kunst stillzusitzen. Aus dem Englischen von Ulrike Becker. Kunstmann Verlag, München 2010.

368 Seiten, 24,90 €.

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