Kultur : Mitten ins Hirn

Falk Richter inszeniert „Weniger Notfälle“ von Martin Crimp an der Berliner Schaubühne

Peter Laudenbach

Eigentlich ist alles gut. Zwei Männer rudern über den See. Die Straßen sind ruhig, in der Nachbarschaft wohnen nette Familien, die die „Hundescheiße wegräumen und in ihren Autos staubsaugen.“ Und außerdem wurden die Gene entschlüsselt, „die Menschen dazu bringen, verbrannte Matratzen vor die Haustür zu werfen und ihre Babys zu erwürgen.“ Es klingt ein bisschen nach schöner neuer Welt, nach einer von Sozialtechnologen befriedeten Gesellschaft, was in Falk Richters Inszenierung „Weniger Notfälle“ an der Berliner Schaubühne skizziert wird.

Aber in der szenischen Miniatur von Martin Crimp, die hier zur deutschen Erstaufführung kommt, ist das Idyll seltsam irreal, künstlich und tiefgefroren, als würde alles nur darauf warten, dass in ihm plötzlich ein unbekannter Schrecken explodiert. Die fünf Schauspieler, die sich auf der leeren Bühne vor einer silbern gerahmten Videowand kleine Skizzen aus diesem synthetischen Paradies erzählen, wirken, als würden sie sich an einen Film aus einer anderen Zeit erinnern: Das war einmal ihr Leben. Von einem gewissen Bobby berichten sie, dass er in einem Schrank alles für den Notfall aufbewahrt hat – von Kerzen und Streichhölzern bis zu frischen Feigen, Uran, Pornofilmen und der gesamten Stadt Paris in Originalgröße, zugedeckt unter einem Tuch, damit sie nicht schmutzig wird. Eben den ganzen, schönen Reichtum der westlichen Welt. Aber auch diese riesige Schatzkammer nützt Bobby nichts. Auf den Straßen fallen Schüsse, ein Querschläger aus dem Nichts trifft ihn.

Das Gespenstische an dieser kleinen Alptraum-Szene, in der das künstliche Idyll in eine Art neue Barbarei, eine unkalkulierbare Katastrophe umkippt, ist ihr Entstehungsdatum: Martin Crimp hat unter seinen Text ein lakonisches „10. September 2001“ gesetzt. Auch wenn das Datum ein Fake sein sollte, markiert es deutlich genug, dass es hier nicht nur um eine kleine Horror-Phantasie, sondern um etwas Prinzipielleres geht. Zum Beispiel um die Frage, wie fragil die westliche Zivilisation ist. Oder um das Staunen darüber, dass wir schon so lange im Frieden leben. Es ist, als ob all der schöne Luxus im Wohlstandsparadies auf einmal etwas total Surreales an sich hätte, nicht weniger unwirklich und autistisch als die Wahnsysteme islamistischer Terroristen.

Vom Einbruch des Schreckens ins Idyll, von implodierenden Sicherheiten und plötzlichen Amokläufen, Blutbädern, Selbstmorden, Bürgerkriegen mitten in den reichen Gesellschaften der Moderne handelt der ganze Abend. Falk Richter montiert Videos (auch von dem britischen Künstlerkollektiv Blast Theory) zwischen kurze Szenen von Martin Crimp, darunter eine weitere Erstaufführung, „Gesicht zur Wand“. Auch das keine szenische Abbildung des Schreckens, sondern Berichte und Erinnerungen von Überlebenden einer Katastrophe. In einer Art Verhör wird von einem Mann erzählt, der in eine Schule eindringt und mehrere Schüler erschießt („mitten ins Hirn...“). Von dem Killer erfahren wir nur, dass er ein glücklicher Familienvater ist, der gerne mit seinen vier Kindern spielt, einen wunderbaren Job und ein noch wunderbareres Haus hat. Mehr nicht, keine Erklärungen, keine psychologischen Motiv-Entwicklungen, keine Andeutungen von Ursachen für seinen Amoklauf, nichts.

Der Schrecken ist in Crimps Stücken blind. Das wäre banal und nur sensationslüsterner Zynismus, würde nicht die unterkühlte Sprache, die Reduktion auf wenige Bilder und Momentaufnahmen, die Erzählung in eine gespenstische Distanz rücken. Falk Richters Inszenierung findet für diesen kühlen Horror beängstigend nüchterne Szenen. Die Zerstörung und Selbstzerstörung der westlichen Zivilisation ist hier kein grelles Kino-Spektakel, auch kein Grund, aufgeregt pathetisch zu werden, sondern eine traurig zur Kenntnis genommene Unausweichlichkeit. Den Schauspielern, Jule Böwe, Cristin König, Ronald Kukulis, Linda Olsansky und vor allem dem beeindruckenden André Szymanski gelingt es, in diese pathosfreie Kälte Momente tiefer Verstörtheit zu setzen. Raffiniert an Richters Regie ist die Trennung von Bild und Text: Für den optischen Thrill sind die zwischen die Szenen montierten Pop- und Kunstvideos zuständig. So können die Theaterszenen umso nüchterner ablaufen.

Mit dieser Inszenierung setzt Falk Richter an der Schaubühne seine Reihe „Das System“ fort – eine Serie von Inszenierungen und neuen Stücken, die „unsere Art zu leben“ untersucht. Weil Richter dabei auf ideologische Eindeutigkeiten verzichtet, gelingen ihm immer wieder tiefenscharfe Momentaufnahmen einer zutiefst verunsicherten Gesellschaft. Ganz am Ende des Abends sieht man ein Video mit menschenleeren Großstadt- und Industrielandschaften. Gegen diese Leere setzen die auf der großen Bühne verlorenen Menschen panische Parolen: „Wir alle gehören zusammen.... Wir müssen überleben, um jeden Preis.“ So sehen Leute aus, die alle Gewissheiten verloren haben.

Wieder am 29. und 31.3

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