Kultur : Mittsommernachtsblues

Familiengeschichten: Per Boye Hansens erste Saison beim norwegischen Bergen-Festival

Uwe Friedrich

Wie ein Fremdkörper thront das goldstrotzende Proszenium des Rigaer Opernhauses mitten im Betonsaal der Bergener Grieghalle. Im Graben sitzt das Orchester der Lettischen Nationaloper und spielt unter deren jungen Generalmusikdirektor Andris Nelsons Wagners „Rheingold“. Das nachgebaute Proszenium gehört zum Bühnenbild des neu begonnenen „Ring“-Zyklus, der wie in Stuttgart von vier verschiedenen Regisseuren gestaltet wird. Den Anfang hat nun der norwegische Regisseur Stefan Herheim gemacht, mit einer arg verspielten Familiengeschichte (die bereits in Riga zu sehen war). Walhall ist – ähnlich wiederum wie in Herbert Wernickes Münchner „Ring“-Ansatz – das Bayreuther Festspielhaus. Dieses wird von allerlei deutschen Nationalikonen des 19. Jahrhunderts bevölkert: Schopenhauer, Nietzsche, Ludwig II. und natürlich von Wagner selbst, als Wotan. Wagner ist aber auch Alberich, der sich später dann in Hitler verwandelt. Oder war vielleicht doch alles ganz anders?

Es wird gut gesungen, das Orchester spielt den langen Abend konzentriert, und das norwegische Publikum bleibt gespannt bei der Sache. Das eine oder andere Hakenkreuz hätte Herheim sich wohl sparen können, überhaupt sprudeln seine Einfälle und Gedanken mal wieder. Aber wenn Alberich mit dem Tarnstahlhelm mitten in der Nibelungen-Wehrmacht unsichtbar wird, dann gelingt dem Regisseur eines seiner vielen atemberaubenden Theaterbilder.

Eine ganz andere Familiengeschichte erzählt der norwegische Dramatiker John Fosse in seinem grandiosen neuen Stück „Skuggar“ („Schatten“), das in Bergen uraufgeführt wurde. Drei Männer und drei Frauen begegnen sich nach langer Zeit wieder. Hochmusikalisch wie in einem Streichsextett werden die wenigen Gesprächsthemen und immergleichen Sätze gedreht und gewendet, moduliert und transponiert. Niemand weiß, wo man gerade ist, aber alle wollen hier weg. Gleichzeitig beteuern sie, wie sehr sie sich über die Wiederbegegnung mit den Eltern oder dem Exfreund, der Geliebten oder dem Ehemann freuen. Ein verzweifelter Humor durchzieht diesen Reigen der Alltäglichkeiten im trüben Licht der Polarnacht.

Zur gleichen Zeit läuft im Konzertsaal Logen ein Mozart-Marathon mit dem Leipziger Streichquartett. Der Klarinettist Jörg Widmann ergänzt das Ganze zum äußerst eleganten Quintett, und am frühen Morgen spielt Leif Ove Andsnes mit Ingrid Andsnes Vierhändiges. Auch wenn ein Großteil des Programms wegen eines Streiks des örtlichen Symphonieorchesters ausfällt, bleibt die Ausbeute für die Fans überreich. In den Pausen gibt es Obst zur Stärkung, und überraschend viele Zuhörer halten durch. Nach Sibelius-Symphonien mit dem Finnischen Radiosymphonieorchester unter Sakari Oramo geht es tags darauf bereits auf Mitternacht zu, als „Tango for three“ in Edvard Griegs Villa Troldhaugen spielen. Das milchig-weiße Licht der nordischen Sommernacht verdämmert langsam, im Salon sind Kerzen angezündet, das Publikum sitzt auf Griegs Sofa und etwa sechzig herbeigeschafften Stühlen. Der Bandoneonist Per Arne Glorvigen spielt Werke von Grieg und Tangos von Astor Piazzola, folgerichtig heißt das Projekt „Gringo“. Mit den „Lyrischen Stücken“ (für Bandoneon!) und einem frech zum Tango umarrangierten „Hochzeitstag auf Troldhaugen“ wird im Griegmuseum die Musik des Meisters auf originelle Weise lebendig gehalten.

Die wenigen Karten für die Konzerte in Komponistenhäusern gehören zur begehrtesten Ware des Bergen-Festivals. Außer Grieg hat im 19. Jahrhundert noch der Violinvirtuose Ole Bull in der Nähe gelebt. Er ließ sich Ende des 19. Jahrhunderts auf der Insel Lysøen eine Fantasie-Alhambra in Kiefernholz bauen, die bis in die siebziger Jahre in Familienbesitz blieb. Mit dem Boot geht es durch die Ausläufer der Fjordlandschaft zu einem Salonkonzert dieses Modekomponisten unserer Urgroßeltern, die einst sogar sein Badewasser in kleinen Flaschen kauften ...

Ambitionierter Jazz in Studentenclubs und House-Musik in der nächtlichen Festivallounge locken derweil ein junges Publikum an, das durch Fahnen und Plakate in der ganzen Stadt neugierig gemacht wurde. So bietet Festivalleiter Per Boye Hansen – bis vor kurzem noch fest der Komischen Oper Berlin verbunden – an allen Orten höchste Qualität, und das internationale Publikum ist von dieser Mischung aus Eignem und Fremdem, Neuartigem und wohl Vertrautem ebenso begeistert wie die Einheimischen.

Nächstes Jahr übrigens jährt sich Edvard Griegs Todestag zum hundertsten Mal. Es gibt viel zu tun unter der Mitternachtssonne.

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