Kultur : Mittwochsdemo

Die Berliner Akademie der Künste erinnert an den 17. Juni 1953

Steffen Richter

Es hätte alles auch anders kommen können, wenn der 16. Juni 1953 nicht auf einen Dienstag gefallen wäre. Dienstags nämlich tagte das Politbüro der SED in der Parteizentrale. Deswegen war Ministerpräsident Otto Grotewohl nicht im Haus der Ministerien in der Leipziger Straße, wo die Bauarbeiter der Stalinallee lautstark nach ihm riefen. Als der Minister für Hüttenwesen und Erzbergbau Fritz Selbmann vorgeschickt wurde, verstanden die Demonstranten das als Affront – und am nächsten Tag nahm der Generalstreik seinen Lauf. Dabei hatte die Parteiführung bereits am Abend des 16. die Rücknahme der entscheidenden Normerhöhungen beschlossen. Hätte das Politbüro also montags getagt und Grotewohl bereits am Nachmittag des 16. Juni vor den Bauarbeitern gestanden …

Fritz Schenk, seinerzeit Referent bei der Staatlichen Plankommission der DDR, erging sich in dieser Spekulation, als in der Berliner Akademie der Künste über „Volksaufstand oder Konterrevolution?“ und die Haltung der Künstler am 17. Juni diskutiert wurde. Dabei herrscht in der Bewertung des 17. Juni weitgehend Einigkeit, was seinen Ablauf angeht, sind kaum noch Fragen offen. Deswegen konnte es auf dem von Tagesspiegel-Herausgeber Hellmuth Karasek moderierten Podium mit Schenk, dem Regisseur Kurt Maetzig sowie den Schriftstellern Erich Loest und Rolf Schneider keine Kontroverse geben.

Die damaligen künstlerischen Kampfbegriffe – Formalismus, Kosmopolitismus, Dekadenz und Liberalismus – klingen heute wie aus einem verschollenen Lexikon. Das wird auch in der Ausstellung erkennbar, die in der Stiftung Archiv der Akademie der Künste am Robert-Koch-Platz 10 zu sehen ist. Sie zeigt, wie sich einzelne Akademie-Mitglieder und andere Künstler zum 17. Juni positionierten. Neben den literarischen Verarbeitungen durch Anna Seghers, Stephan Hermlin, Stefan Heym, Heiner Müller oder Günter Grass ist sicherlich die Attacke von KuBa alias Kurt Barthel am spektakulärsten. Der hatte den Bauarbeitern auf einem Flugblatt mitgeteilt, dass er sich schäme: „Da werdet ihr sehr viel und sehr gut mauern und künftig sehr klug handeln müssen, ehe diese Schmach vergessen wird.“ Brecht fühlte sich durch so viel Unverstand bekanntlich zu seinem Gedicht „Die Lösung“ angeregt. Darin legt er dem Sekretär des Schriftstellerverbandes nahe, die Regierung möge das Volk auflösen und ein anderes wählen.

Worum es den materiell ohnehin oft privilegierten Künstlern 1953 ging, war jedoch keineswegs die radikale Umgestaltung oder gar Abschaffung der DDR. In einer „Erklärung“ der Akademie der Künste vom 14. Juli im „Neuen Deutschland“ heißt es: „Die staatlichen Organe sollen die Kunst in jeder nur denkbaren Weise fördern, sich aber jeder administrativen Maßnahme in Fragen der künstlerischen Produktion und des Stils enthalten.“ Gemeint war vor allem der Würgegriff der Zensurbehörden „Amt für Literatur“ und „Kunstkommission“. Tatsächlich gilt als wichtigstes kulturpolitisches Ergebnis des 17. Juni, dass beide Gremien abgeschafft wurden. Stattdessen entstand das Kulturministerium unter Johannes R. Becher.

Was sich aus der Distanz indes gut erkennen lässt, ist das Lavieren der Intellektuellen. Häufig sind sie zerrieben worden zwischen dem Bedürfnis nach öffentlichem Diskurs und ihrer Loyalität zum Ideal. Während die Künstler am 17. Juni die Bauarbeiter allein marschieren ließen, so der Schriftsteller Rolf Schneider, blieben sie drei Jahre später, als es um Ungarn, Georg Lukács, Wolfgang Harich und Walter Janka ging, unter sich.

Als Hellmuth Karasek wissen wollte, was sich heute aus dem Datum lernen ließe, wurde es eher still. Für Schneider bleibt der Tag „ein Lichtblick im Trauerspiel“ der deutschen Geschichte. Und Erich Loest möchte den 17. Juni künftig zum „Tag des kecken Bürgers“ machen. Lernen lässt sich vielleicht auch, dass die großen historischen Staatsaktionen immer von kleinen Unwägbarkeiten begleitet sind. Beim Marsch zum Haus der Ministerien, erzählte Loest, habe es einen Gewitterguss gegeben. „Natürlich sind alle in die U-Bahn-Schächte gerannt oder haben sich in den Häusern untergestellt.“ Als der Regen aufhörte, sei der Demonstrationszug nicht wieder so mächtig gewesen wie zuvor. „Dann kamen die Panzer.“

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