Kultur : Mobile Zeiten

Sprache in Bewegung: Goethe zieht Jahresbilanz

Christiane Peitz

Goethe macht’s möglich: Türkische Imame lernen Deutsch. Irakische Bibliothekare gehen zu Fortbildungsseminaren. Arabischen Kickern wird zur WM 2006 der Frauenfußball nahe gebracht, und Thomas Brussig verfasst im Januar in Kairo ein Internet-Tagebuch.

Bei der Jahrespressekonferenz des Goethe-Instituts berichtet Regionalleiter Johannes Ebert am Beispiel der Region Nordafrika/Nahost, wie Goethe seinen kulturellen Auftrag inzwischen versteht. Oder eher den politischen? Ebert betont im Berliner Goethe-Büro die besondere Verantwortung Deutschlands und Frankreichs in den arabischen Welten: Wegen ihres hohen Ansehens – nicht zuletzt infolge ihrer Anti-Irakkriegs-Haltung – kommt ihnen eine besondere Mittlerposition zu, zumal in Zeiten des zunehmenden Misstrauens gegen den Westen.

„Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos“, umreißt Goethe-Präsidentin Jutta Limbach die Finanzsituation der 144 Institute in 80 Ländern. Bei sinkenden Zuschüssen, die Zweidrittel des 255-Millionen-Euro-Etats ausmachen, wird die Kooperation mit anderen europäischen Kulturvermittlern, mit Stiftungen und Sponsoren verstärkt. Schließlich unterhält Goethe weltweit sogar 721 Anlaufstellen, zählt man die „Dialogpunkte“ wie etwa Lesesäle hinzu.

Kultur als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln: Schön, wenn afghanische Kinder erleben, dass Unterricht nicht unbedingt frontal verlaufen muss, und wenn das Augenmerk 2006 auf China und Indien fällt. Die Goethe-„Initiative Deutsch“ gilt aber auch deutschen Sorgen. „In hiesigen Großstädten“, so der neue Generalsekretär Hans-Georg-Knopp, „ist Deutsch für 30 Prozent der Erstklässler nicht mehr die erste Sprache.“ Sprache im mobilen Zeitalter: Lässt sich auswärtige Kulturpolitik von Kulturinnenpolitik bei soviel Migration überhaupt noch trennen?

Was die Frage nach dem Dienstherrn erneut aktuell macht. Auswärtiges Amt oder doch besser der Kulturstaatsminister? Wie war’s wirklich mit dem kulturell eher desinteressierten Joschka Fischer? Was erhofft man sich von seinem Nachfolger Steinmeier? Limbach und Knoop umgehen die Antworten zunächst. „Er ist nicht unser Dienstherr“, betont Limbach die Autonomie von Goethe. Und man sei „gut untergebracht“ beim Auswärtigen Amt, schon wegen der diplomatischen Unterstützung vor Ort. Eine klare Absage an den Kulturstaatsminister. Ansonsten gilt: Man beißt nicht die Hand, die einen schützt. Auf dem Foto von der GoetheLesestunde in Kabul lauschen hinter den Kindern die Militärs.

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