Kultur : Moctezumas Lieblingstrank

„Ein Gesöff, eher für Schweine denn für Menschen gedacht“: Als das Abendland den Kakao kennenlernte, schüttelte es sich

Dorothee Nolte

Kolumbus kam nicht drauf. Auf seiner vierten Reise in die Neue Welt begegnete er einem Handelsboot der Maya und bat die Händler samt ihrer Ladung auf sein Schiff. Dabei fiel ihm etwas Merkwürdiges auf: Die Maya bückten sich eilig, wenn eine ihrer dunklen Bohnen auf den Boden fiel, hoben sie auf und behandelten sie mit großer Vorsicht. Warum das so war, konnte Kolumbus nicht ergründen. Er hielt die Bohnen für eine Art Mandeln und segelte weiter.

Für die Ureinwohner Mittelamerikas, zunächst die Olmeken, dann die Maya und Azteken, waren die Samen der Kakaofrucht weit mehr als nur ein nützliches pflanzliches Produkt. Die Maya und Azteken nutzten sie auch als Zahlungsmittel: Einer Preisliste zufolge konnte man für eine Kakaobohne eine große Tomate eintauschen, für 100 Kakaobohnen bekam man einen Truthahn. Das erklärt die Sorgfalt der Mayahändler im Umgang mit ihrer Fracht.

Aber mehr noch: Der Kakaobaum, dessen Früchte direkt aus dem Stamm oder den Ästen wachsen, galt den Maya und Azteken als heilig, als Symbol des Lebens und der Fruchtbarkeit – seine Samen hatte der Schlangengott Quetzalcoatl der Legende zufolge für die Menschen aus dem Paradies geholt.

Kakao war nicht für jedermann zu haben, sondern nur für die Adligen, die Krieger und den Klerus. Bernal Diaz del Castillo, ein spanischer Soldat, der mit Hernán Cortés 1519–21 das Aztekenreich eroberte, schrieb über ein Festmahl am Hofe des großen Moctezuma: „Er trank öfters aus einem goldenen Becher ein kakaoartiges Getränk, das gewisse Triebe wecken soll.“ In den Schatzkammern Moctezumas fanden die Spanier angeblich 25 000 Zentner Kakaobohnen.

Allerdings schmeckte der Kakao der Maya und Azteken keineswegs so wie unserer. Die Bohnen wurden auf Reibsteinen zerrieben, dann mit kaltem Wasser aufgegossen, mit Maismehl angedickt und nicht gesüßt, sondern mit Chili, Piment oder Vanille gewürzt. Der bittere, herbe Geschmack war für Europäer gewöhnungsbedürftig. Der italienische Botaniker Benzoni, der im 16. Jahrhundert ländliche Gebiete Mexikos bereiste, schrieb gar, der Kakaotrank sei „ein Gesöff, eher für die Schweine denn für die Menschen gedacht“.

Der Eroberer Hernán Cortés allerdings erkannte schnell den Nutzen der braunen Bohne. Er ließ riesige Plantagen anlegen und rühmte den Kakao gegenüber dem spanischen König: „Es ist ein Göttertrank, der die Widerstandskraft stärkt und die Müdigkeit bekämpft. Eine Tasse dieses kostbaren Getränks lässt einen Mann den ganzen Tag ohne Essen marschieren.“ Schokolade, die Kraft gibt für den Kampf – die Nahrhaftigkeit der fetthaltigen Bohnen hatten sich auch aztekische Krieger zunutze gemacht, die, wenn sie in den Kampf zogen, stets Kakao dabeihatten.

Um 1585 herum kamen vermutlich spanische Nonnen in der Neuen Welt auf die geniale Idee, dem bitteren Trank Rohrzucker beizumischen – endlich war die Schokolade süß. Nun gewann sie schlagartig Anhänger und verbreitete sich über das weitverzweigte Netz der Klöster in der Neuen und Alten Welt. Besonders für die Kirchenleute hatte sie nämlich einen unschätzbaren Vorteil: Dank eines Machtwortes von Kardinal Brancaccio – „Flüssiges bricht das Fasten nicht“ – konnten sie sich während der Fastenzeit mit der nahrhaften Schokolade bei Kräften und bei Laune halten.

Kein Wunder, dass sowohl Azteken als auch Spanier der Schokolade eine potenzsteigernde Wirkung zuschrieben. Im 17. und 18. Jahrhundert wurde sie, vor allem in den Ländern Südeuropas, zum Lieblings- und Statusgetränk des Adels. Die feinen Damen und Herren nahmen sie gerne morgens im Negligé zu sich: Ein Getränk des Müßiggangs, das die Leidenschaft wecken sollte. Erst als der Kaffee seinen Siegeszug antrat, wurde die Schokolade zum Trunk für Frauen und Kinder erklärt.

Jahrhundertelang war Schokolade ein Getränk. Erst im 19. Jahrhundert wurden die Techniken erfunden, die es möglich machten, Schokoladentafeln und Schokoriegel zu produzieren: die Kakaobutterpresse, das Conchierverfahren, das Milchpulver. Heute kaufen Gourmets gerne Schokoladentafeln oder Pralinen mit rotem Pfeffer oder Chili: Ein feuriger Genuss und – eine Rückkehr zu den Wurzeln.

Mehr zur Schokolade ist zu erfahren in einem Vortrag von FU-Chemie-Professor Klaus Roth in der Urania (Dienstag, 19. Dezember, 17 Uhr 30, mit Verkostung). Die nächste Folge dieser Serie erscheint am Freitag: Kaffee.

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