Mode von 1700-1915 : Saum und Traum

„Fashioning Fashion“: Eine Moden-Schau im Deutschen Historischen Museum zeigt, wie sich die Menschen langsam von einengenden und beschwerenden Stoffmassen befreiten.

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Am Wandel der Kleidermoden lässt sich gesellschaftlicher Wandel ablesen - dies zeigt die Ausstellung "Fashioning Fashion" im Deutschen Historischen Museum, das europäische Moden von 1700 bis 1915 zeigt. Hier ein französischer Anzug um 1760. Rock und Weste sind aus Wollruch, mit applizierten Pailletten und Metallstickerei. Vor allem aber ... Foto: © 2010 Museum Associates/LACMAWeitere Bilder anzeigen
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07.05.2012 16:46Am Wandel der Kleidermoden lässt sich gesellschaftlicher Wandel ablesen - dies zeigt die Ausstellung "Fashioning Fashion" im...

Auf einem Podest steht eine Reihe von Puppen in historischen Männerkostümen. Die letzte trägt einen Nadelstreifenanzug: klassischer Dreiknopf, fünf Taschen, gerade Hose mit scharfer Bügelfalte – praktisch und bequem. Der Vatermörderkragen des Hemdes ist zwar etwas zu hoch und steif für die Gegenwart, aber die Krawatte würde in jedes heutige Großraumbüro passen. Hinter der Figurine steht die Jahreszahl 1911. Vor dem Podest wiederum steht Sharon Sadako Takeda vom Los Angeles County Museum of Art und Kuratorin der Ausstellung „Fashioning Fashion“ – im grauen Hosenanzug. Zwischen ihrem und dem Anzug auf dem Podest liegen hundert Jahre, die an der Herrenmode spurlos vorübergegangen zu sein scheinen. Der historische Anzug eines Geschäftsmanns aus der Zeit des englischen Königs Edward VII. beeinflusst sogar die heutige Damenmode.

Den Herren auf den Podesten stehen die Damen gegenüber. Sie hatten 1908 in modischer Hinsicht noch einen weiten Weg vor sich. Das aus jenem Jahr stammende Kleid zeigt eine stark betonte S-Silhouette: flacher Bauch, vorgeschobene Brust mit nach hinten gedrückten Schultern und Gesäß, das durch die Tournüre, ein Gestell aus Stahl und Fischbein, unter dem Rock aufgebauscht wird. Der Saum schleift hinten auf dem Boden, der hohe Kragen umschließt den Hals. Solche Kleidung ließ der Trägerin kaum Spielraum.

Ein Augenschmaus soll die Ausstellung sein

Gleich zu Beginn des Mode-Reigens im Deutschen Historischen Museum mit Leihgaben aus dem Los Angeles County Museum wird klar, dass sich an Kleidern der gesellschaftliche Wandel ablesen lässt. Regine Falkenberg, Projektleiterin des DHM, wünscht sich dennoch vor allem eins: „Ein Augenschmaus soll die Ausstellung sein.“ Der Besucher möge sich auf die Kleider einlassen. Für politische Zusammenhänge sei später noch genügend Zeit.

Wie gemalt. Foto: Los Angeles County Museum Art
Wie gemalt.Foto: Los Angeles County Museum Art

In der ständigen Ausstellung des Hauses wurden eigens grüne Punkte als Pfad zu weiteren 25 Objekten geklebt, die Bezug zu den aus Los Angeles stammenden Kleidern nehmen und die Hintergründe der modischen Entwicklung erklären. Der Herzogin Liselotte von der Pfalz zum Beispiel quillt auf einem Gemälde von 1673 ein Bausch weißer Spitze aus der Kleidung: Die politischen Beziehungen zu ihrem Schwager, dem Sonnenkönig Ludwig XIV., waren so gut, dass sie französische Spitzenmanufakturen zur Herausgabe ihrer handwerklichen Geheimnisse zwingen konnte.

Ein Tenniskleid von 1885 demonstriert, wie sich Frauen schrittweise von Einschnürungen und Stoffmassen befreiten. Das Modell erscheint ebenso einengend und voluminös wie die damalige Damenmode, nur ein wenig kürzer. Seine Bestimmung würde der moderne Mensch nicht einmal ahnen, stünde sie nicht im Begleitheft. Auf den Podesten stehen am Fuß der Puppen nur kleine Nummerntafeln, die nicht verraten, dass es sich um ein Tenniskleid handelt. Wer sich nur dem ästhetischen Genuss hingeben will, kann das also ohne Weiteres tun.

Endlich nicht mehr zwölf Röcke übereinander tragen!

Darin besteht das Subversive der Ausstellung. Der Besucher begeistert sich an der Schönheit eines zarten Schattens, der aussieht wie eine Vogelvoliere, aber von einer Krinoline aus Stahlbändern an die Wand geworfen wird. 1855 glich es einer Befreiung, dass Frauen nicht mehr zwölf Reifröcke übereinander tragen mussten, um einer vorgegebenen Linie zu entsprechen. Stattdessen gab es ein einziges Stahlgestell, das den maximalen Luxus gewährleistete, Röcke mit acht Meter Saumumfang zu tragen. Fortan war die Trägerin nicht mehr zu völliger Bewegungslosigkeit verurteilt.

Die Kleider stehen gerade so erhöht, dass die Besucher genau auf die Leibesmitte schauen, wo sich die meiste Pracht entfaltet. Wie bei einem Justaucorps, einem Vorläufer des heutigen Herrenjacketts aus dem frühen 18. Jahrhundert, über und über mit Fäden aus Gold bestickt, die alleine 24 Kilo wiegen. Die Kleider sind nicht wie sonst in Kostümausstellungen von ihren Betrachtern durch eine Glasscheibe getrennt. Bob Verhelst, Gestalter der Ausstellung, platzierte sie gerade so weit entfernt, dass man nicht über den Stoff streichen kann. Dass die Puppen auf dem Podest zwei Schritte zurückversetzt stehen, hat noch einen anderen Effekt: Die wunderbar ausgeleuchteten Figuren, die scharfe Schatten werfen, scheinen sich wie aus einem anderen Leben auf dem Laufsteg versammelt zu haben, um zu erzählen, wie es ihnen in den Kleidern ergangen ist.

Deutsches Historisches Museum, Unter den Linden 2, bis 29. 7.; tägl. 10-18 Uhr.

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