Kultur : Models im Museum

FORUM EXPANDED zeigt Experimente zwischen Video, Kunst und Kino.

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Dass Menschen früher Angst davor hatten, sich fotografieren zu lassen, weil die Kästen angeblich ihre Seelen einfingen, wird heute belächelt. Doch vielleicht hatten sie recht. Zumindest lassen einige Filme beim diesjährigen Forum Expanded der Berlinale vermuten, dass eine Kamera mehr aufzeichnet als nur das visuelle Abbild. Lucien Castaing-Taylors und Véréna Paravels Film „Leviathan“ ist eine atemberaubende, mit Dutzenden von Kameras gedrehte Dokumentation über Hochseefischer vor New England, ein Rausch aus Über- und Unterwasserszenen, Blut, Himmel, Mensch, Fisch und Vogel. Der Film besteht aus über 100 000 Einzelbildern, und Castaing-Taylor und Paravel glauben, beim Sichten des Materials geisterhafte Erscheinungen auf den Einzelbildern wahrgenommen zu haben. Sie isolierten einige „Beweisbilder“ und projizieren sie als Standbild-Videoprojektion im Silent-Green-Kulturquartier, einem ehemaligen Krematorium im Wedding, an die Decke eines Trauersaals. „Waves vs. Particles“ heißt die dortige Ausstellung, in der vor allem die installativen Arbeiten des Forum Expanded gezeigt werden.

Vor mittlerweile acht Jahren ging die Berlinale dazu über, Filmexperimente zwischen Video, Kunst und Kino unter dem Titel „Forum Expanded“ ins Programm zu nehmen. Dass Filme, die radikal mit den Sehgewohnheiten des Kinopublikums brechen, im Wettbewerb der Berlinale gezeigt werden, ist zwar Zukunftsmusik. Trotzdem gewinnen Formate jenseits des Erzählkinos an Bedeutung. In der bildenden Kunst sind Filmbilder längst gängiges Material. Die Videokünstlerin Elizabeth Price, Turner-Preis-Trägerin 2012, beschrieb das Editieren von Film- und Soundmaterial sehr treffend als „skulpturalen Vorgang“. Das Interesse an Geschichte, die sich an Orten, in Menschen oder der Natur eingelagert hat, zeigt sich beim Forum Expanded besonders stark. Film und Sound bieten viele Möglichkeiten, Verborgenes wieder sichtbar zu machen. Etwa wenn Inszenierung und Dokumentation durcheinanderwirbeln wie bei Wendelien van Oldenborgh, einem international erfolgreichen Künstler, der bereits mehrmals beim Forum Expanded zu Gast war. In seinem neuen Film „La Javanaise“ lässt er zwei Fashion-Models durch das ehemalige Kolonialmuseum in Amsterdam schlendern, um sich an die koloniale und globale Geschichte einer holländischen Textilfirma heranzutasten.

Über alldem schwebt die Unsicherheit darüber, was Geschichte eigentlich ist und wer sie verantwortet. Der Mensch, die Natur, Gott? Bei den Entschuldigungsreden von Staatsoberhäuptern, die der Künstler James T. Hong in seinem Video „Apologies“ so beziehungsreich aneinanderfügt, spielt die vage Hoffnung mit, dass Worte den Lauf der Geschichte beeinflussen können. Aber wie ist das bei einer Nuklearkatastrophe wie in Fukushima? Die in Berlin lebende Künstlerin Angela Melitopoulos und der Soziologe Maurizio Lazzarato bringen in einer 3-Kanal-Videoinstallation die Gedankenwelt des französischen Philosophen Félix Guattari mit der aktuellen Situation in Japan zusammen und führen den Zuschauer tief in die Technologiegeschichte und die animistische Tradition Japans ein. Auch das in filmischer Ortsanalyse geübte Berliner Künstlerduo Nina Fischer und Maroan el Sani versucht, mit einer Kombination aus Interviews und langen Einstellungen von Orten und Gesichtern die unsichtbaren psychischen Auswirkungen der Reaktorkatastrophe spürbar zu machen.

Natürlich gibt es auch andere Themen. Isabella Rossellini stellt mit „Mammas“ eine Fortsetzung ihrer Green- Porno-Reihe vor, einer witzigen Mischung aus Tiercomic und Bildungsfernsehen. Der Berliner Videokünstler Daniel Kötter zeigt in einer 18-minütigen Sequenz ohne Schnitt, wie sich eine bewegliche Bühne in einem postkommunistischen Kulturpalast zusammenklappt. Außerdem gibt es ein üppiges Diskussionsprogramm, auch ein Zeichen dafür, dass die Filme zwischen Kino und Kunst nun ernster genommen werden.

Nicht zuletzt stellt das Forum Expanded in diesem Jahr mit Hélio Oiticica (1937–1980), dem „Andy Warhol Brasiliens“, die filmischen Experimente eines Mannes vor, der mit seinem Plädoyer für „das Suprasinnliche“ selbst ein Echo der Geschichte ist. Mit seinen begehbaren Skulpturen nahm Oiticica vorweg, was viele Künstler heute praktizieren: Partizipation und eine Verbindung aller Kulturbereiche. Ein Dia-Environment aus Oiticicas Werkserie „Cosmococa Programa in Progress“ ist im Hamburger Bahnhof installiert. Weitere werden am 12. Februar über und unter Wasser im Liquidrom präsentiert. Im Forum läuft außerdem ein Found-Footage-Dokumentarfilm. Birgit Rieger

„Silent Green“, bis 17.2., Hamburger Bahnhof, bis 24.2., weitere Forum-Expanded-Screenings im Arsenal und im Delphi Filmpalast

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