Moderats Album "II" : Der Bass ist der Boss

Schwere Rhythmen und sanfte Melodien: Das meisterhafte neue Album "II" des Berliner Electro-Projekts Moderat zeigt, dass Techno aus Berlin mehr ist als anspruchsvoller Mainstream-Sound.

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Zweckgemeinschaft. Moderat gelten als Techno-Supergroup.
Zweckgemeinschaft. Moderat gelten als Techno-Supergroup.Foto: Monkeytown

Wenn drei Freunde zusammen eine Reise unternehmen, dann ist das einer zu viel oder einer zu wenig. Weil sich nämlich immer zwei gegen einen verbünden. So ist das auch bei Gernot Bronsert, Sebastian Szary und Sascha Ring, die sich, wenn sie zu dritt Musik machen, Moderat nennen. Moderat produzieren nebeneinander, miteinander, übereinander und gegeneinander – und wenn zwei etwas blöd oder überflüssig finden, dann fliegt es raus, auch wenn da unter Umständen zuvor ewig dran gearbeitet wurde.

Offenbar war das alles ziemlich anstrengend. Und zwar so sehr, dass die drei zwar 2008 ein gefeiertes Album zustande brachten, aber auf eine Fortsetzung lange keine Lust mehr hatten. Kein Wunder, bei der gemeinsamen Arbeit war es beinahe zur Prügelei gekommen. Vor ein paar Monaten dann die überraschende Nachricht: Man sei wieder im Studio und arbeite am zweiten Album. Jetzt ist es da, nennt sich, nicht sonderlich einfallsreich, „II“ – und es ist ziemlich gut. Die drei ehemaligen Kellerkinder des Techno agieren darauf als echte Band, wie sie schwere Rhythmen und sanfte Melodien zusammenbringen, wirkt meisterhaft. Und Sascha Ring scheint sich als Sänger nicht nur mehr zuzutrauen, sondern wirklich etwas zu können.

Moderat aus Berlin, apostrophiert als „Electronic Supergroup“, hat also wieder geliefert. Supergroup? Bronsert und Szary bilden normalerweise das Techno- Duo Modeselektor, Sascha Ring steht hinter dem Electronic-Projekt Apparat. Modeselektor plus Apparat gleich Moderat, so die einfache Formel, und bislang war auch die Rollenverteilung klar. Modeselektor haben den größeren Wumms, Apparat dagegen präsentiert sich als Klangtüftler und Pop-Poet, als Feingeist und Frickler. „Das sind wir“, sagt Sascha Ring. Aber eben nur „aus der Ferne betrachtet“. Schaut man genauer hin, dann erkennt man hier drei individuelle Produzenten, von denen jeder alles kann. Es gibt keinen Boss, keinen Diktator, vieles wird ausdiskutiert und dann ist irgendwann alles zu viel, denn: „Du willst ja eigentlich Musik machen, nicht reden.“

Auf dem neuen Album wabern die Bässe ganz tief, so wie es Dubstep in den letzten Jahren gelehrt hat

Ring kommen die gemeinsamen Monate als Moderat trotz aller Anstrengung wie Ferien vor. Oder zumindest wie eine Reise, ein Urlaub von den anderen Projekten. Bronsert erkennt noch etwas anderes: das Dreiergespann beruhe auf einer Freundschaft, „die ein bisschen tiefer geht als bei Brüdern“. Alle drei haben die gleichen musikalischen Wurzeln, Detroiter Techno und Acid aus Holland. „Unser Album ist auch eine moderne Technoplatte, denn das ist die einzige Musik, die wir machen können.“

Die Betonung liegt auf „modern“. Diverse Stile von zart bis hart werden auf „II“ zusammengeführt, die Bässe wabern ganz tief, so wie es der Dubstep in den letzten Jahren gelehrt hat. Kraftvolle Musik, aber selbst wenn man sie leise abspielt, gehen die elf Stücke, die zwischen Track und Song hin- und herpendeln, ins Ohr. Insider mögen sich beklagen, dass der Sound von Moderat im Jahr 2013 nicht mehr ganz so originell und einzigartig sei, wie man das bislang gewohnt war. So erinnert ihr Zehnminutenstück „Milk“ an den loop-basierten Techno des Schweden Axel Willner alias The Field, im melancholisch angehauchten Popsong „Let in The Light“ singt Sascha Ring wie The Weeknd. Bei anderen Stücken sind Four Tet oder Dubstep-Star Burial Referenzen.

Große Namen, für die man sich nicht schämen muss. Im Gegenteil, vielleicht ist das sogar ein Zeichen für ein größeres Selbstbewusstsein. Der Dilettant klaut bekanntlich bei einem, der wahre Künstler lässt sich von vielen inspirieren. Und lässt daraus etwas ganz Eigenes entstehen. Moderat machen auch kein Geheimnis daraus: Ja, man habe sich am Computer einen gemeinsamen Ordner eingerichtet, jeder habe dort Musik, die ihn interessiert, hineingestellt und dann sei das in die Stücke eingeflossen – oder auch nicht.

Sehr atmosphärisch verschmelzen Pop und Techno

Dieses Selbstbewusstsein hatte sich in den letzten Jahren auch schon in den Einzelprojekten angedeutet: Von anderen – etwa von Radiohead-Sänger Thom Yorke – lernen, ohne sich selbst dabei kleinzumachen. Pop und Techno miteinander verschmelzen und zwar, auch wenn die Band behauptet, es gebe auf dem Album keine Grundstimmung, auf eine sehr atmosphärische Art. Musik für einen Film, der wohl nie gedreht wird. Szary hält das für den roten Faden des Projekts: „Was die erste mit der zweiten Platte verbindet: eine gewisse Tiefe der Sounds. Es geht was Cinematic-mäßiges ab.“

Moderat zeigen auf „II“, dass Techno aus der Hauptstadt mehr ist als der funktionale, aber nicht sonderlich anspruchsvolle Mainstream-Sound eines Paul Kalkbrenner. Und auch relevanter als das sentimental-rückwärtsgewandte „Götterstraßen“-Album eines Westbam. Sie dürften damit mehr für die Stadt und ihren guten Ruf getan haben als jede Werbekampagne. Be a Kopfnicker, be a Bassdrum, be Berlin – be Moderat. Martin Böttcher

„II“ von Moderat ist bei Monkeytown erschienen

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