Kultur : Moderne mit Mopsgesicht

ELFI KREIS

Früher nannte man Frauen abschätzig "Weibsbilder", Künstlerinnen "Malweiber". Dabei ging die Kunstgeschichtsschreibung nicht gerade pfleglich mit Malerinnen um, die meisten von ihnen ignorierte man schlicht und einfach. Das war so zu allen Zeiten, in allen Stilepochen und Ländern.

Auch in Ungarn. Und nicht etwa vor weit zurückliegenden Jahrhunderten, sondern in der jüngster Vergangenheit. Die Budapester Kunsthalle Szombathely mit ihrer Direktorin Julia Fabényi legt daher gezielt einen Schwerpunkt ihrer Forschung zum 20. Jahrhundert auf die Kunst von Frauen. Daraus resultierte eine Ausstellungsreihe mit dem Titel "Cherchez la Femme". Bei weiteren Recherchen stieß die Ausstellungsmacherinnen und -macher auf eine Gruppe von zwölf Malerinnen der zwanziger und dreißiger Jahre. Namen, die heute auch in Ungarn nahezu völlig in Vergessenheit geraten sind. Sie gründen 1931 innerhalb des ungarischen Künstlerinnenverbandes eine eigene, moderne, die "Neue Gruppe". Die meisten haben um 1920 gemeinsam an der Hochschule studiert, später in den gleichen Künstlerkolonien gearbeitet. Intern nennen sie sich "Pictorinagesellschaft". Acht von ihnen organisieren im Gründungsjahr eine eigene, großen Ausstellung im Nationalsalon Budapest.

Für die Ausstellung "Damenwahl" fahndete die Kunsthalle lange nach ihren Bildern. Wenige kommen aus Museen wie der Ungarischen Nationalgalerie, die meisten sind in Privatbesitz verstreut. Der Kunstgeschmack im Ungarn der zwanziger Jahre war überwiegend konservativ. Neoklassizismus und die "Römische Schule" mit ihren Grablegungen und Kreuzigungsszenen sind in Mode. Mit Ausnahme von Lili Sztehló haben die Malerinnen der Neuen Gruppe andere Vorbilder. Sie orientieren sich an französischer und deutscher Malerei: Fauvismus, Neue Sachlichkeit, Expressionismus. Nicht selten in ungewöhnlichen Kombinationen. Auch für die "Brücke"-Maler interessieren sie sich - allerdings mit der seltsamen Verspätung von zwei Jahrzehnten. In Ungarn aber waren sie die ersten, die diese Stiltendenzen der Moderne aufgriffen. Vor allem Piroska Fatásfalvi Márton mit "Angler von Làgymányos" oder ihrer "Frau in lila Laken" stellt eine Melange aus "Brücke"- und "Art Deco"-Einflüssen her. Ihr Akt mit seiner schräg gekippten Spiegelung ist recht raffiniert, nur die Katze hat ein Mopsgesicht.

Józsa Jàritz reduziert in ihren Bildern Landschaft auf abstrakte Farbflächen. Alice Endresz blickt mit Ironie in Spelunken und die lebensgierigen, vergnügungstrunkenen überdrüssigen Großstadtgesichter: tiefgezogene Topfhüte sieht sie, verlebte Gesichter, Augenringe. Künstlerisch konsequenteste Wiederentdeckung ist Erzsébet Loránt mit Skifahrern, Konzertsaalmuschel. Interessant, aber sprunghaft im Stil Vilma Kiss. Große, stilisierte Kulleraugen im Kindgesicht, so malt sie ihr "Mädchen mit Narzisse". In wirkungsvollem Kontrast klebt das Kleid wie durchs Wasser gezogen am Körper der Kindfrau, verhüllt kaum mehr etwas und spottet der engelhaften Unschuldsmine. Kiss lebte Mitte der dreißiger Jahre in Berlin und unterrichtete Anfang der zwanziger Jahre an der Reimann-Schule. Eine herbe Kritik von 1931 attestierte: "Sie werfen in einem Maße mit Dekadenz, Krankhaftem und Abscheulichkeiten (oder vielleicht Scherzen) der Bildenden Kunst um sich, daß dabei die Grenzen des guten Geschmacks überschritten werden". 1999 gilt allenfalls: einigen der Damen zeigen bei ihrer Wahl eine fatale Neigungen zur Stilklitterung.

Haus Ungarn, Karl-Liebknecht-Str. 9 bis 25. Juni, Montag bis Freitag 10 - 18 Uhr

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