Kultur : Moderne Oper: Zlatko im Escorial

Mirko Weber

Wenn sie irgendwann die alte Umhängetasche noch findet und die Kamera darin, wird Elisabetta gewiss die Aufnahmen entwickeln lassen, die sie damals im Wald von Fontainebleau gemacht hat, als sie sich auf der Flucht verirrt hatte: und jung war und unschuldig und verliebt in einen spanischen Prinzen. Doch Don Carlo, eben dieser Prinz, ist tot, und das Letzte, was er der Frau hat sagen können, die seinen Vater hatte heiraten müssen, offenbart die Katastrophe in diesem Stück. "Addio, mio madre", singt der Stiefsohn. "Mio figlio, addio", die Stiefmutter. Nun, da sie sich eingestehen, was nie zu ändern war, ist es zu spät. Und während Elisabetta in Stuttgart aus der Szene heraustritt und den Himmel anruft, tut sich hinter ihr die Erde auf. Der Geist Karls V. schultert Don Carlo. Elisabetta kommt also davon, und wahrscheinlich wird sie sich mit den Abzügen in der Hand fragen: Wie war es nur möglich?

Sergio Morabito und Jossi Wieler, der Dramaturg und der Regisseur, die zusammengehören wie Stan und Ollie, blasen gern die Backen auf - und den Staub von Opas Opernbühne. Auch in Verdis fünfaktiger "Don Carlo"-Version erkennt man ihren Scharfsinn. Etwa daran, wie sie mit Carlo und Posa umgehen, den Männerfreunden. Morabito und Wieler zeigen nämlich, dass Posa sich in seinem Cordanzug an etwas abgekämpft hat, was Carlo nur mäßig interessiert: an der Politik. Dafür holt sich Carlo vom überaus nervösen Posa keine der üblichen Streicheleinheiten - sondern eine blutige Nase.

Überhaupt hat in Stuttgart kaum etwas den klassisch carlosschen Glanz. Morabito und Wieler sehen die Angelegenheit - zu Recht - düster. Und wenn im Kloster die Mönche mit dem Scheuerlappen die Fußleiste entlangfahren, klingt der Chor zu "Carlo, il sommo Imperatore" gleich viel weniger mystisch als gewohnt (wiewohl wunderbar einstudiert durch Ulrich Eistert). Nicht nur die Klosterbrüder aber, die den Kampfsport Kendo trainieren, bleiben hier, was sie sind: abweisend, fremd, unheimlich. Der Fremdeste von allen bleibt der König. Roland Bracht (ein mächtiger, kein Mordsbass), der so einsam ist, wie der Escorial in der Landschaft steht. Permanent nestelt er an seiner Krawatte, als würge ihn etwas. Und es würgt ihn auch. Es würgt ihn die Heirat, und es würgen ihn die Nackten und die Toten in seinem Keller. Es würgt ihn seine Kirche, und es würgt ihn sein Großinquisitor. So ein Philipp hat leichtes Spiel mit Posas restlichen Idealen, den er wie ein HB-Männchen immer wieder auf den Boden zurückzieht, bis der Selbstmord begeht, später. Überhaupt klebt überall Blut, und der Dirigent Lothar Zagrosek sorgt mit dem ausgezeichneten Stuttgarter Staatsorchester dafür, dass man das auch hört. Dabei verweist Zagrosek immer wieder auf Verdis Motivtechnik, bei der ihm Wagner (nicht nur in den Hornsätzen) die Feder führte. Die Tinte aber ist von Verdi selbst, und Zagrosek kann (in den Eboli-Szenen mit der überragenden Tichina Vaughn) sehr schön damit schreiben, elegant, ohne manieriert zu wirken.

Manieriert ist ein anderer. Oder unsicher. Oder zu routiniert. Wie auch immer: Das Bühnenbild stammt von Erich Wonder, der für Morabito und Wieler exakt der falsche ist. Wo die beiden kleinteilig puzzeln und nach den Brüchen, Ecken und Kanten suchen, holt Wonder großzügig und nicht eben gedankenreich den Pinsel raus. Oder stellt etwas hin, was so ausschaut, als könne es Staat machen, einen Container für den Escorial etwa. Wonder stört die Aufführung empfindlich. Mit grünem Scud-Raketen-Feuer, illusionistischen Tapeten und Treppenabgängen.

Aber, wie Wonder eben ist: Man kommt schlecht an ihm vorbei. Dass Wieler und Morabito die vertraute Bühnenbildnerin Anna Viebrock fehlt, ist nicht zu übersehen, aber dann hält sich der mit kräftigen Buhs geahndete Betriebsunfall doch in Grenzen. Schon rücken Wieler und Morabito die Geschichte in Richtung jener Couch, auf der sie ihre anderen Werke liegen haben - aber mit so einem Schinken von Grand Opéra ist es nicht so einfach wie zuletzt mit einem Tetralogie-Baustein (Wagners "Siegfried"), den man nur gewitzt stemmen muss.

Hier findet die profunde Ablehnung einiger Sänger durch das Stuttgarter Publikum ihren Grund. Das berührt nicht ein exquisites, wohl überlegtes Rollendebüt wie das von Catherine Naglestad als Elisabetta, wohl aber den undifferenzierten, oft zu lauten Carlo von Vladimir Kuzmenko oder den verkrampften Posa von Motti Kastôn. Der wiederum wird vor allem als Schauspielertyp interessant, und tatsächlich ist es ja so, dass einer leicht über eine Schwäche hinweghören lässt, wenn er nur mehr beherrscht, als mit dem rechten Arm auf die linke Brust zu klopfen ... Aber in Stuttgart ist man mittlerweile natürlich auch schon ziemlich verwöhnt.

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