Kultur : Moderne Weiblichkeitsbilder in München und Innsbruck

Jan Schulz-Ojala

Hysterie, Körper und Technik in der Kunst des 20. JahrhundertsJan Schulz-Ojala

Wahre Diven sind unverletzlich. Sie haben das gewisse, von Menschen gemachte Unsterbliche, das sich aus ihrer eigenen Aura und der Anbetung ihres Publikums speist. Und wenn es eines Tages ans Sterben, ans Vergehen geht, weil sie doch keine Göttinnen sind, machen sie sich - wie Marlene Dietrich, wie Greta Garbo - unsichtbar. Den Widerspruch zwischen Anmutung und Anima verbergen sie, indem sie sich selbst verbergen. Und sind dadurch schon zu Lebzeiten nicht von dieser Welt. Zu Sterbezeiten erst recht nicht.

Männer sind keine Diven. Aber sie benehmen sich mitunter divenhaft. Halbgötter werden sie auf Erden vielleicht, aber immer ist da eine Achillesferse, ein Siegfriedsches Lindenblatt, ein Makel. Nicht selten siedeln sie am Rande des Lächerlichen: allesamt Michael Jacksons, die sich mit komischem Aufwand gegen die Viren des Irdischen schützen. Wer divenhaft ist, ist Diven-Darsteller: der wahren Diva traurig fern. Männer sind unersetzlich, singt Herbert Grönemeyer, und lässt durchklingen: Sie halten sich dafür. Und reimt listig das Alibi hinzu: Männer sind ja so "verletzlich".

"Die verletzte Diva": Dieser zum Widerspruch reizende und Widersprüche aufreißende Ausstellungstitel gründet, so schreiben die Macherinnen und Macher, auf einem neuen Buch über die Schauspielerin Hedy Lamarr. Hedy Lamarr: noch so eine Diva, seit Ewigkeiten heimisch im Film-Olymp. Und doch erinnerte ihr realer, banaler Tod vor ein paar Wochen daran, dass sie am Leben gewesen, also sterblich war. Die erste Sexbombe, nein: erotische Bombe des Kinos hat - die Ausstellungsmacher machen auf den wenig bekannten Umstand aufmerksam - eine Funkfernsteuerung für Torpedos erfunden: sehr hilfreich schon im Zweiten Weltkrieg und noch heute etwa in der Handy-Technologie verwendet. "Das unkonventionelle, gespaltene Wesen der Lamarr", so steht es programmatisch am Ausstellungseingang im Kunstbau des Münchner Lenbachhauses zu lesen, "personifiziert nahezu perfekt die Widersprüchlichkeit der Weiblichkeitsfantasien der Moderne, um deren Klischees im weitesten Sinne es in dieser Ausstellung geht." Ein merkwürdiger Satz, ins Thesenhafte sich wagend und zugleich voller ängstlicher Rückversicherungen. Und welche These nur: Muss denn, wer schön und klug ist, gleich ein "gespaltenes Wesen" sein?

Nicht nur der Untertitel "Hysterie, Körper, Technik in der Kunst des 20. Jahrhunderts", sondern überhaupt die Sprache des Katalogs, die mit einem Übermaß an Abstraktion vor der Sinnlichkeit ihres Gegenstandes geradezu Reißaus zu nehmen scheint, verrät vor allem eines: Hier will man viel. Zu viel. An vier Orten - dreimal München, einmal Innsbruck - soll mit der "Diva" ein Jahrhundert-Begriff auf sein bis ins individuell Unbewusste reichendes mögliches Krankheitsbild (Hysterie!) befragt und zugleich (Technik!) entpersonalisiert werden. Schon verliert sich der forschende Ansatz, wo er konkret werden muss, in einem Sammelsurium von Einzelstücken, die einander merkwürdig wenig zu sagen haben. Kumulation statt Kombination. Kollektion statt Konfrontation. Als hätte man sich, weil schon in der Realität das Prinzip des anything goes regiert, in der Welt der Abbilder für das anything shows entschieden.

Fündig werden aber kann man auch vor weitestem Horizont - vor den ins Porzellanhafte weisenden Solarisationen des Man Ray Ende der Zwanziger Jahre bis zu den vernähten, vernarbten Stopfkissen-Torsi der Louise Bourgeois Ende der Neunziger; vor der Eros-Besessenheit der sich gegen ihre eigene Verkopftheit auflehnenden Surrealisten und den pathetischen Video-Ohnmachten der Pipilotti Rist; vor Pierre Moliniers ins drastisch Pornographische weisenden siamesischen Vier- bis Neunlingen (1967) und Valie Exports "Tapp und Tast Kino"-Happening von 1968. Die nackten Brüste in einem Kasten verborgen, bot sie den eher entsetzten als erregten Münchnern am Stachus ihren Körper als Leinwand, sofern die "Kinogänger" nur einmal ihre Hände als Augen gebrauchen wollten. Valie Export - auch sie eine zumindest in ihrer Intimität verletzte Diva?

Diven interessieren die Künstler, auch das zeigt die Schau nolens volens, nicht besonders; wohl aber Verletzungen - als Grenzverletzungen. Und, je näher das Jahrhundertende rückt, als durchaus rohe Verletzung der Geschlechterdifferenz. Der Mensch ist nicht Mann oder Frau, sagen die Künstler und mehr noch die Künstlerinnen. Der Mensch ist kein Zwitter, sondern zwei. Der Mensch ist androgyn.

Vielleicht sollte man sich vom Münchner Kunstverein, wo die neueren Arbeiten zu sehen sind, zurückarbeiten in die "historischere" Welt des Lenbachhauses: Das Neue gehört der Lust auf bisexuell irisierende Gender-Welten, auf Trans- und Travestie und auf Inszenierungen ultimativen Kastratenglücks, wie sie etwa Zoe Leonards "Pin-Up"-Serie (1995-1997) oder Vito Accontis noch immer provokante, immerhin schon 30 Jahre alte "Conversions"-Videos verkörpern. Das Alte dagegen wäre: die plötzlich verblüffend fern anmutende, selbstverständliche Definitionsmacht männlicher Künstler über den weiblichen Körper, wie sie noch in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts gängig war. Von der ebenso ernsthaften wie verspielten Untersuchung der (Geschlechts-)Teile, aus denen wir uns, wenn wir denn wirklich am "Menschsein" interessiert wären, zusammensetzen könnten, führt der Weg so zurück zu den Protagonisten der guten, alten Projektion: Eine Muse ist eine Muse ist eine Muse, und sei sie noch so kunstvoll übermalt, manipuliert, dekonstruiert.

Doch Vorsicht, auch solche Lesart, der mehr bewegten als bewegenden Bilderschau abgerungen, ist nicht etwa eine Gebrauchsanweisung. Eher eine mögliche Wünschelrute.Bis 7. Mai. In München im Kunstbau des Lenbachhauses, Kunstverein und in der Rotunde Siemens Kulturprogramm; in Innsbruck in der Galerie im Taxispalais. Katalog 38 Mark, im Buchhandel 48 Mark.

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