Kultur : "modifidas": Umgekehrt wird ein Schuh draus

Christian Schröder

Die Welt zerfällt in feindliche Lager: oben vs. unten, rot vs. schwarz, arm vs. reich, kommunistisch vs. kapitalistisch. An dieser Bipolarität hat auch der Zusammenbruch des Kommunismus wenig geändert, nur stehen sich jetzt andere Blöcke gegenüber. So treten bei den Olympischen Spielen von Sydney nicht bloß Nationen, sondern auch weitaus mächtigere Gegner gegeneinander an: Nike versus adidas. Nike holte zum Beispiel Gold über 400 Meter der Damen (Cathy Freeman), 400 Meter Herren (Michael Johnson) und im Herren-Tennis (Jewgeni Kafelnikow), adidas stand beim 10 000 Meter-Lauf der Herren (Haile Gebrselassie), beim männlichen 100 Meter-Schwimmen (Ian Thorpe) und beim Frauen-Gewichtheben (Tara Nott) ganz oben auf dem Siegertreppchen. Die siegreichen Sportler zeigen den Kameras beim Jubeln gerne das Logo ihrers Ausstatters - die drei Streifen oder den nach oben gebogenen Victory-Haken -, das gibt vermutlich eine Zusatzausschüttung bei der Verteilung von Werbegeldern.

Wer sich für Nike oder adidas entscheidet, entscheidet sich nicht einfach für eine Marke. Er entscheidet sich für eine Ästhetik. Eine Ideologie. Das gilt auch für den Zuschauer daheim vor dem Fernseher. Nike tragen heißt: Sich zu Amerika und damit zur Pop-Kultur bekennen, zum Hier-und-Jetzt, aber auch zu Brasilien und zum Samba (die brasilianische Nationalmannschaft steht bei Nike unter Vertrag, im Werbespot bei der letzten Fußball-WM lief "Mas Que Nada"). adidas tragen bedeutet: Ja sagen zur Retro-Kultur, zur Ironie, zum deutschen Nachkriegswiederaufbau und zur Wertarbeit (der Spot zeigt Emil Zatopek, im Hintergrund Musik von Dieter Bohlen). Nike oder adidas: eine schwere Entscheidung. Es soll Menschen geben, die tagelang ihre Wohnung nicht verlassen, weil sie nicht wissen, ob es denn jetzt cooler wäre, das adidas-Modell "München" (ein Original von 1972!) oder die "air max" von Nike (vom letzten Amerikaurlaub mitgebracht!) anzuziehen.

Die Lösung des Problems sieht nicht nur praktisch aus, sondern auch formschön: ein weißer Lederturnschuh mit drei schwarzen Streifen (Logo 1), dem an der Seite sowie im Fersenbereich zwei grün-pinkfarbene Flügel (Logo 2) gewachsen zu sein scheinen. Logo 1 hebt Logo 2 auf, Logo 2 hebt Logo 1 auf. Die Markenzugehörigkeit wird neutralisiert. Umgekehrt wird erst recht ein Schuh draus: Die Marken verstärken sich gegenseitig, denn Logo 1 und Logo 2 verdecken sich nicht, sie bleiben beide sichtbar. Das Ergebnis: friedliche Koexistenz.

"modifidas" heißt das Modell, es ist der Kommentar der Berliner Rock- und Kunstgruppe "Chicks on Speed" zur Olympiade von Sydney. Den Chicks on Speed waren von adidas 35 Schuhe des Typs "Universal" zur Verfügung gestellt worden, die sie in mühevoller Handarbeit zu adidas-Nike-Hybriden umgearbeitet haben, indem sie ihnen flatterbandartige Nike-Flügel aufnähten. "Wir haben das perfekteste Produkt aller Zeiten noch weiter perfektioniert, indem wir die Masse aus der Produktion genommen haben", heißt es frei übersetzt im Statement der Gruppe. "Unterbezahlte Menschen, die hart für ihre Individualität arbeiten. Etwas, das wir mit Freiheit assoziieren." Ab morgen können die "modifidas"-Sneakers auf der Chick-on-Speeds Homepage bestellt werden. Preis für ein Paar: Verhandlungssache.

"Unsere Absicht ist es, to bring confusion in demarketing", sagt Alex Murray-Leslie, eine der drei Chicks. Sie stammt aus Australien, deshalb spricht sie mitunter denglish. Beim Kurzinterview in einem Berlin-Mitte-Café lässt sie auch die Begriffe "anti-advertising" und "ad-busting" fallen, sowie den Hinweis, beides sei derzeit "really big in Amerika". Die Chicks on Speed sind Konzeptkünstler, ihr Konzept: Verwirrung. In diesem Fall: Verwirrung von Industrie, Werbung, Publikum. Es geht aber auch um "Fun", denn bei allem, was sie machen, wollen die Chicks - Rrriot Girls der zweiten Generation - ihren Spaß haben. Und sie machen ziemlich viel.

Melissa Logan (Amerika), Kiki Moorse (Deutschland) und Alex Murray-Leslie (Australien) haben sich an der Münchner Kunsthochschule kennen gelernt. Vor drei Monaten sind sie nach Berlin umgezogen, ihren Hyperaktivismus haben sie seitdem noch gesteigert: Gleich nach dem Interview müssen sie nach Hamburg, um eine Ausstellung aufzubauen. Von da geht es nach München, wo sie ihr zweites Album aufnehmen wollen, das auf ihrem eigenen Label erscheint. Die Chicks beherrschen zwar kein Musikinstrument, von Kritikern wird ihre Musik trotzdem gefeiert. "Fast Women", staunte die "New York Times". Und das englische Magazin "The Face" schrieb: "Punk without Pogo". Ein Lob, das den Chicks so gut gefiel, dass sie es gleich auf eine Unterhosen-Kollektion druckten. Wenn Auf-Speed-Sein eine olympische Disziplin wäre, würden sie die Goldmedaille kriegen.

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