Kultur : Mögliche Welten

KNUT EBELING

Dem Renaissancetheoretiker Alberti und seinem Traktat "Della Pittura" verdanken wir die Vorstellung, das Bild sei das Fenster zur Welt.Dem jungen Berliner Künstler Kai Schiemenz hingegen ist die Aktualisierung dieser Vorstellung zu verdanken, die bis zur Malerei des 19.Jahrhunderts ihre Gültigkeit behielt.In seinen jüngsten Zeichnungen kehrt er das klassische Verhältnis von Bild und Fenster, Repräsentation und Präsentation um.

Der Name Alberti taucht bei der jungen Generation natürlich nicht mehr auf.Schiemenz überzieht die Fensterfassade des Ausstellungsraumes in der ehemaligen Glühlampenfabrik mit einer transparenten Fläche, auf die er eine poppig-minimalistische Zeichnung aufträgt.Das Fenster, das die Welt zeigen soll, irritiert durch die Präsentation eines eigenen Bildes.Auf der anderen Seite des Raumes nimmt die Ausstellungswand zunächst die Struktur der Fensterfassade auf; anstatt Bilder zu zeigen, spiegelt sie die Rasterung der Fensterfront in einem grellgelben Kassettendekor.Auch die lose an einer Stahlschiene befestigten Zeichnungen von Kai Schiemenz Ôverweigern zunächst einen Ausblick auf die Welt.Stattdessen zeigen sie Einblicke in fiktive Ausstellungssituationen, Präsentationsmöglichkeiten oder Ausstellungsentwürfe - allesamt Hypothesen von Möglichkeiten.

Schiemenz zeigt mit seinen Zeichnungen nicht mehr Welten, die den Ausstellungsraum vergessen lassen, sondern Ausstellungsräume, die Welten möglich machen.Die Ausstellung ist für ihn ein räumlicher Konjunktiv.Diese Praxis scheint die jüngsten Arbeiten von Schiemenz in die Nähe von kontextuell arbeitenden Künstlern zu stellen.Damit verschränkt er unmerklich zwei wichtige Pole künstlerischer Arbeit der 90er Jahre: Repräsentationskritik und Kontext-Kunst.

Statt die Kunst durch ihren Kontext zu entauratisieren, verzaubert Kai Schiemenz den Kontext, indem er ihm den Status einer Vorstellung gibt.Er behandelt die Ausstellungssituation nicht als ein Dokument, sondern als eine Fiktion.Statt die Reinheit des White Cube zu dokumentieren, bevölkert der Künstler seine Räume mit bizarren, traumartigen Assoziationen.In einem gezeichneten Raum gibt es einen Bogenschützen vor einer Stellwand, in einem anderen ein Basketballfeld als Museumsfußboden.Die Schemenhaftigkeit der Situationen wird von der Schablonenhaftigkeit der Figuren unterstützt.Die verschiedenen Umrisse stehen sich beziehungslos gegenüber wie die Akteure in den Filmen Michelangelo Antonionis.

Loop - Raum für aktuelle Kunst, Schlegelstraße 26/27, bis 20.Februar; Mittwoch bis Sonnabend 14-18 Uhr.

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