Kultur : Mönch und Meister

Der Mann, der Luther ein Gesicht gab: Lucas Cranach und seine Grafiken in Wittenberg

Christian Schröder

Auf dem Rathausplatz von Wittenberg steht Luther als gusseiserner Mahner, das von ihm übersetzte Neue Testament hält er aufgeklappt vor der Brust. „Glaubet an das Evangelium“ fordert eine Aufschrift zu seinen Füßen. Das Denkmal aus dem Jahr 1821 präsentiert den Reformator in klassischer Pose: ein standhafter Gelehrter mit dramatisch gekräuselten Locken über der gedankenvollen Stirn.

Martin Luther als bulliger Senior, ein Image, das auf Lucas Cranach zurückgeht. Der Maler hatte den Kirchenrebellen seit 1520 immer wieder porträtiert, seine Bilder fanden reißenden Absatz und wurden schon bald nach ihrem Entstehen raubkopiert. Schräg gegenüber vom Wittenberger Luther-Denkmal, im Cranach-Haus, sind derzeit rund sechzig Holzschnitte aus der Cranach-Werkstatt und ihrem Umfeld zu sehen. Wie sich Luther vom asketischen Mönch in einen schwergewichtigen Stoiker verwandelt: Das lässt sich hier entlang der originalen Bildquellen besichtigen.

Lucas Cranach der Ältere war vor fünfhundert Jahren, im Frühjahr 1505, nach Wittenberg gekommen, um als Hofmaler in den Dienst des sächsischen Kurfürsten Friedrich des Weisen zu treten. Er richtet sich ein Atelier im Schloss ein, der Fürst bezahlt ihn gut und verleiht ihm 1508 ein Wappen: Die geflügelte Schlange wird zu Cranachs Signatur. 1512 heiratet der Maler und baut ein Haus am Markt zum stattlichen Familienwohnsitz aus. Seine Werkstatt steigt in den folgenden Jahren zur größten ihrer Art nördlich der Alpen auf, sie stattet Kirchen in halb Europa mit Altären aus und beliefert Fürsten mit erotisch aufgeladenen mythologischen Szenen. Cranach wird zum Bild-Propagandisten der Reformation, lässt sich aber auch gerne von katholischen Auftraggebern wie Kardinal Albrecht von Brandenburg in Dienst nehmen. Die Cranach-Höfe – der Maler kaufte auch die beiden Nachbarhäuser – zeugen von Reichtum. Im Cranach-Haus, das 1990 von einer Bürgerstiftung übernommen wurde, fanden sich bei der Restaurierung hinter der Rokoko-Fassade Kreuzrippengewölbe und Reste von floralen Fresken.

Die Ausstellung heißt „Lucas Cranach: Drucken!“, ihr Schwerpunkt liegt tatsächlich im physischen Prozess der Kunst-Herstellung. Zum ersten Mal sind, eine kleine Sensation, 23 Druckstöcke zu sehen, mit denen Cranach-Holzschnitte und zeitgenössische Kopien dieser Holzschnitte gedruckt wurden. Sie stammen aus der Sammlung Derschau im Berliner Kupferstichkabinett. Hans Albrecht von Derschau, ein pensionierter Offizier, hatte zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Nürnberg mehr als 1500 Druckstöcke zusammengetragen. Andere CranachDruckstöcke fanden den Weg nach Prag, sie waren kostbar, weil sie von Verlegern immer weiter verwendet wurden – bis zur völligen Abnutzung.

Das endlose Recycling hatte seinen Preis. Die Feinheiten der Darstellung gingen verloren, stellenweise riss und brach das Holz, die Randleisten – auf denen der größte Druck lastete – mussten ausgewechselt werden. Dem heutigen Betrachter erscheinen die Druckstöcke wie magische Objekte, sie schimmern schwärzlich und sind selber schon Kunstwerke. Eines der schönsten Blätter der Ausstellung zeigt einen „Sündenfall“, bei der die Schlange als verführerische nackte Frau vom Baum der Erkenntnis herabsteigt. Auf der Druckplatte verlieren sich die Endlinien in einem frappierend feinen Relief-Geflecht.

Die Heroen der Reformation hängen als ernst blickende Herren an der Wand. Georg von Sachsen runzelt die Stirn unter seiner Halbglatze. Johann der Beständige zeigt sich mit prachtvollem Bart und der berühmten mächtigen Nase der Kurfürstenfamilie. Christian Bruck, Schwiegersohn von Cranach dem Älteren, hat die Hände angestrengt übereinander gelegt. Luther war 1517, nach seinem Thesen-Anschlag, ein Phantom, niemand wusste, wie er aussah. Erst Cranach gab ihm ein Gesicht: Er zeigte ihn 1520 als frommen Gottesmann mit Tonsur und kantigem Schädel.

Die Bilder versprachen, das war ihre Sensation, die größtmögliche Übereinstimmung mit den dargestellten Personen. Unter einem Portrait, das Lucas Cranach der Jüngere 1558 von Philipp Melanchthon schuf, findet sich gereimte Werbung: „So sichs vielleicht so hett begeben / Das du Philippum bey seim Leben / Nicht hets gesehn / Auch nicht gesehn die Brust sein / Welch ist gewest Gotts Wonung fein / So schau an dis des Malers Werck.“ Luthers Mitstreiter ist auf dem Holzschnitt alles andere als ein attraktiver Mann. Seine Augen sitzen schief in ihren Höhlen, ein Stoppelbart bedeckt das faltige Gesicht. Ungeschönte Hässlichkeit, die dafür spricht, dass Melanchthon tatsächlich so ausgesehen hat.

Cranach-Stiftung im Cranach-Haus Wittenberg, bis 3. Oktober

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