Kultur : Mönche mögen’s heiß

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Von Peter von Becker

Eben noch ist hier die letzte Klappe für Verona Feldbusch gefallen. Sie dreht in der von allen Romantikern oder auch neuzeitlicheren Touristen besungenen Kulisse des Heidelberger Schlosses einen Werbespot für den „Smart“. Doch mit dem Tageslicht wechseln die Zeiten. Plötzlich huschen dunkle Wesen in Kutten über das bucklichte Pflaster im großen Schlosshof, eine Ziege meckert, ein Esel schreit; dann wehen auch gregorianisch klingende Choräle in die blaue Stunde, ein struppiges, schmutzhäutiges Mädchen und ein paar Bettler und Aussätzige wuseln herum zwischen den hereinströmenden Zeitgenossen von heute, die von den Vermummten Programmhefte oder wärmende Kunstoffmatten als Sitzunterlagen erwerben. Wir sind im deutschen Sommertheater.

Schwarze Wolken fegen über den Odenwald, und im Westen, hinter Neckar und Rhein geht spät noch einmal die Abendsonne auf und vergoldet die Spitzen des roten Sandsteingemäuers, die mittelalterlichen Zinnen, die gotischen Erker, die Renaissance-Fassade der schönsten Schlossruine Europas. Das könnte eine Idylle sein. Kaum stören die wie beiläufig anhebenden Dispute der klerikalen Kuttenträger; irgendwie geht es um Ernst und Unernst, ein umdüsterter Herr hochoben in einem Erkerfenster verflucht alle weltliche Poesie und das Laster des Lachens, während ein anderer etwas von den Sünden des Fleisches brüllt, und da stürzt ein Mönch plötzlich von der höchsten Mauer in die Tiefe, vor das Publikum. Neben uns schreit eine Zuschauerin auf.

Die Zuschauerin ist echt, der blutige Leichnam, was sonst, eine Puppe. Aber das erinnert uns doch an einen ähnlichen Schreckschrei – vor ein paar Stunden über den Wolken. Da schien die zwischen Berlin und Frankfurt durch allerlei Wetter tanzende Maschine endlich in ruhigeren Zonen, als mitten in die Ansage der Lufthansastewardess ein Blitz ins Flugzeug schlug. Hier freilich haben sich die Gewitter über den Heidelberger Schlossfestspielen nun so weit verzogen, dass der Freilicht-Dramatisierung von Umberto Ecos Klosterkrimi „Der der Rose“ keine höhere Gewalt mehr droht. Alle noch folgenden Leichen gehören zum Stoff, und es ist Zeit, dass Ecos scharfsinniger Detektiv, der Franziskaner William von Baskerville, die Stätte der mönchischen Verbrechen betritt. Allerdings, vor einigen Tagen bei der ursprünglichen Premiere, hatte den 70-jährigen Haupt- und Gastdarsteller Hans Schulze (früher Protagonist in Köln und im Münchner Residenztheater) ein Schlag getroffen; er musste ins Krankenhaus und der Regisseur Wolfgang Maria Bauer nach der Pause mit dem Textbuch in der Hand einspringen.

Wir sehen die zweite Premiere: Hans Schulze als Baskerville trifft mit dem Esel ein, aschfahl bei den ersten Sätzen – da riskiert ein Schauspieler, der unbedingt spielen will, an diesem Abend mehr, als im Textbuch steht. Und gewinnt.

Erleichtert wirkt am Ende auch der Regisseur, der während der dreistündigen Aufführung in der ersten Reihe sitzt, immer auf dem Sprung. Als Inszenator ist das sein erstes Sommertheater, und unter freiem Himmel hat er früher etwas ganz anderes gespielt. Denn der Münchner Wolfgang Maria Bauer, bald 40, war vor zwanzig Jahren schon einmal bei 1860 München und dann bei der Spielvereinigung Unterhaching unter Vertrag – und hatte für die Löwen neben dem drei Jahre älteren Rudi Völler gestürmt. Dann wurde er Schauspieler, ein wunderbarerer sanfter Wildling, nach der Wende auch in Berlin am Deutschen Theater und im BE zu sehen, und er hat auch sehr poetische, geheimnisvolle Stücke geschrieben. Seit zwei Jahren nun ist Bauer, neben Gastrollen am Wiener Burgtheater (oder im Kino), Oberspielleiter im Stadttheater Heidelberg. Und hat mit Umberto Eco als Freilichtspektakel für jeweils 700 Zuschauer selbst einiges riskiert. Weil solches Sommertheater eigentlich nichts für Kunstfeinsinnige ist.

Zunächst wollte Bauer das Publikum zumindest durch einen Teil der herrlichen und gleichsam naturtheaterhaften Schlossruine führen, und der Anfang sollte draußen im großen Schlossgraben zwischen den Mauern spielen. Doch da gabe es Lurche, Fledermäuse und Naturschützer. Fast hätte es trotzdem geklappt, die Proben liefen längst, da kam ein Problem: Scheinwerfer regen bei den nachtblinden Fledermäusen offenbar das Liebesleben an; die Zuschauertribünen kann ein Fledermaus-Single zwar mühelos überfliegen, nicht aber ein kopulierendes Fledermauspaar: Es hätte außer Ecos ermordeten Mönchen wohl noch Liebestote und vampirisch-irritierte Zuschauer gegeben.

Also spielt man vor dem erkergekrönten so genannten Bibliotheksbau des Schlosses, den vor genau 380 Jahren General Tilly im Rahmen des Dreißigjährigen Krieges erstürmte und in Brand setzte, nachdem er die berühmte Bibliotheca Palatina mit tausenden von mittelalterlichen Handschriften und Drucken erbeutet und nach Rom in den Vatikan übersandt hatte. Dieses alles passt natürlich fabelhaft zu Ecos „Rose“, weil es auch dort ja um die Mysterien und Schätze der vom blinden, bösen Jorge von Burgos gehüteten Klosterbibliothek geht und diese am Ende in Flammen steht.

Was in Heidelberg zu einem wunderbar feurigen Finale führt. Vor den Denkmalschützern, die das Theater mit dem Hinweis auf filmerprobtes „kaltes“ Feuerwerk beruhigte, standen allerdings auch im Schlosshof die Naturschützer, die Heidelbergs Intendanten Günther Beelitz des Baumfrevels anklagten. Er habe vor dem Bibliotheksgemäuer nachts heimlich eine Trauerweide abgesägt. Das stimmte wohl, aber die Theaterleute sagen, die Weide, welche die Szenerie verstellte, sei bereits abgestorben gewesen. Trotzdem gab es Demonstationen und zigtausend (!) erregte Bürger. Jetzt will das Theater erfahren haben, dass etliche Demonstranten von den Festspielgegnern im Zuge einer ABM-Maßnahme engagiert worden seien. Sommertheater. Und nebenan spielt, wenn nicht die „Rose“ blüht, die Heidelberg-Operette vom „Student Pince“ oder tanzt eine von Irina Pauls choreographierte Version des „Jedermann“.

Wolfgang Maria Bauer hat die von Claus J. Frankl etwas altfränkisch entworfene Bühnenversion des Eco-Romans behutsam entschlackt und im Spiel hübsch verlebendigt. Psychologisch feine Nuancen sind im Freilichttheater ohnehin kaum möglich. Aber Bauer und sein über 20-köpfiges Ensemble verzichtet nicht nur kühn auf technische Hilfen (keine Mikroports), man unterspielt zudem fast alles himmeloffene Deklamationspathos. Das ist auch deshalb angenehm, weil es in diesem Schlosshof neben den Schatten der Nacht noch die der jüngeren Geschichte gibt: Vor einem Dreivierteljahrhundert inszenierte der Heidelberger-Exstudent Joseph Goebbels hier bei ersten Festspielen die von den Nazis geliebte „stählerne Romantik“, mit klappernden Rittern und einem dröhnenden Heinrich George (als Goetz von Berlichingen).

Bei Bauer sehen wir nun Hans Schulze als intellektuell souveränen Baskerville, voll sophistischem Spott als Gegenspiel zum fanatischen Humorverbot des blinden Jorge (als zweiter Gast: Hubert Kronlachner). Auffällig sind unter den jüngeren Spielern einige komödiantische Talente, die vor allem der mönchischen Doppelmoral schöne, tartüffhafte Züge geben. So mögen’s etwa Sascha Natan und Daniel Hajdu als Mönche manchmal heiß. Dagegen inszeniert Bauer die Liebesnacht zwischen Baskervilles Adlatus Adson (Daniel Graf) und dem Dorfmädchen (Judith Eberle) wunderbar schlicht: Die beiden verschwinden gemeinsam einfach unter Adsons Kutte. So herzerwärmend kann Sommertheater auch in deutschen Nächten sein.

Die Saison ist eröffnet, Salzburgs neuer „Jedermann“ und Moritz Rinkes Wormser „Nibelungen“ folgen bald.

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