Kultur : Mörderisch-clean im Woolworth-Look

KATJA WINCKLER

Anglo-amerikanische Theatermacher lassen heutzutage in ihren Stücken Blut, Sperma und Erbrochenes nur so spritzen. Ganz anders "House", aufgeführt im Rahmen des Festivals "Theater der Welt" am Theater im Halleschen Ufer. Geradezu clean geht es in dem einstündigen Vier-Personen-Stück des amerikanischen Jungdramatikers Richard Maxwell zu, obwohl eigentlich viel Blut spritzen müßte. Denn immerhin werden in dem Finale des Dramas zwei Menschen kaltblütig umgelegt. Doch die Exzesse finden überwiegend im Kopf statt. Dazu bedient sich Maxwell einer atemberaubend neuen, reduzierten Theatersprache. Kein bißchen action, keine brutale Metzeleien, Fick-Szenen oder derbes Vokabular, sondern die Entdeckung der Langsamkeit, fast meditativ.

Zunächst einmal fängt alles ganz harmlos an. Wie in einer Foto-Story mit ab und zu sich wandelnden Standbildern sehen wir den Alltag einer spießigen Vorort-Familie irgendwo in Amerika: Vater, Mutter, Kind in fiesem Woolworth-Look beim Frühstück. Da kracht der Toast bei der einzigen verbindenden Beschäftigung lautstark zwischen den Zähnen, die restliche Geräuschkulisse besteht nur noch aus gestörter Kommunikation. Als Bühnenbild dient einzig eine Wand mit Steckdosen und einem Telefonmünzautomaten (?). Davor agieren die drei als namenslose Zwangsgemeinschaft, aufgereiht, wie Hühner auf der Stange. Einziger Lichtblick in diesem Leben: grelles Neonlicht. Zum Heulen, wenn der schmächtige Sohn (Andrew Maxwell-Parish) im Heavy Metal-T-Shirt und mit fettig-angeklatschtem Haar versucht, aus dem Sprach-Gefängnis auszubrechen. Seine Erzeuger rührt das dennoch nicht. Eher bringt es die krankhaft-verschüchterte Mutter (Laurena Allan) noch mehr ins Stottern, der Vater (Gary Wilmes) übt sich derweil im Bernhardschen Satzwiederholungzwang. Fragmenthafte Sprache als Zeichen für die vakanten Brüche in der Kleinfamilie, übrigens brillant lakonisch dargestellt.

Doch dann kommt Mike (Yehuda Duenyas) ins Spiel. Weil er der Ansicht ist, daß der Familiendaddy seinen in zwielichtige Geschäfte verwickelten Bruder umgebracht hat, muß nicht nur der Vater, sondern auch der Sohn daran glauben. Am Ende nimmt sich Mike die Mutter. Und die läßt es sich gefallen: ein Happy End? Erst muß aber noch ein Zweikampf in Zeitlupentempo ausgetragen werden. Sein mörderisches Ziel erreicht er trotzdem. Das wirkt zwar ironisch überhöht, doch wenn die Schauspieler zu per Walkman eingespielten Gitarrenriffs betont unbeteiligt singen, stellt sich die Beklemmung eines tristen Lebens ein. Das verstört. Ganz ohne Blut.

Noch einmal heute um 20 Uhr.

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