Kultur : Mörderisches Hexeneinmaleins

JOACHIM LANGE

Es war wirklich die reine Koketterie, als Peter Konwitschny während des Bravo-Buh-Gewitters einen Kreidestrich auf der Tafel machte, auf der zuvor die Hexen die zahlreichen Bühnenleichen des Stückes für sich verbucht hatten."Macbeth" war nicht "Aida" (bei der hier Tomaten flogen), und er hatte die Grazer im Grunde schon nach dem ersten Bild für sich gewonnen.Eine Küche von ziemlich herruntergekommener Gemütlichkeit, mit Riesenkühlschrank, Mega-Waschmaschine und Kamin - Einflugtüren für die schrille Frauenrunde, wenn sie von ihrem Tagwerk kommt.Ein Theatereffekt, der die Grazer ins Staunen versetzte, wie Carsen die Kölner in seinem "Falstaff".

Küchenbühnenbilder vertragen sich offenbar mit Verdi ganz gut.Das Hexendomizil wechselt mit einer fast leeren Bühne: Dieser Einheitstraum mit Drehbühne und Panoramablick aufs schottische Hochland am Rundhorizont kommt mit wenig Zutaten aus, einem Bett für den König, einem rotgepolsterten Behandlungsstuhl als Thron (Bühne: Jörg Koßdorff).Peter Konwitschny liefert mit dieser Inszenierung keine Neuauflage eines gesellschaftskritischen Seminars über den Zusammenhang von Machtstruktur und individueller Disposition ehrgeiziger Aufsteiger.Nur einmal wird es wirklich ernst.Wenn das letzte Duett des mörderischen Paars das finale Blutbad heraufbeschwört, mündet die Selbstermunterung in ein szenisches Massaker.

Mit dem Beginn des letzten Aktes erhebt sich aus diesem Berg von Leichen nach und nach der Chor der Flüchtlinge.Wenn das Licht im Zuschauerraum angeht und jene, die an der Grenze Schottlands auf ein Ende des Terrors hoffen, ihre Mäntel und Decken ablegen, sind es Menschen von heute.Ansonsten aber ist es die bei Konwitschny oft verblüffende Interpretation eines bekannt geglaubten Sujets, die Wirkung erzielt.Eine Hauptrolle spielen dabei die Hexen: mit großem Spielwitz gezeichnet, initiieren sie die ganze Geschichte und treiben sie voran.Die Hexen reichen den Dolch zum Mord, sie retten Banquos Sohn und stehen am Ende hinter den siegreichen Männern Malcolms und steuern deren Bewegungen.Blitzschnell aber ist dann die Küche wieder auf der Bühne, und die letzten Töne der Heilsgesänge für den neuen König kommen aus einem Radioapparat.Ein erfolgreicher Tag für diese ausgeflippte Frauentruppe geht zuende.

Mit dieser Aufwertung der Hexen verbindet sich eine mildere Sicht auf Lady Macbeth.Sie will mit Entschiedenheit an die Macht, aber sie will es gemeinsam mit ihrem Mann.Die Begegnungen der beiden geraten meist innig - das Spiel mit der Krone ist wie ein Liebesspiel, als die Ermordung Banquos beschlossen wird, kommt er wie ein Kind auf allen vieren zu ihr gekrochen.Jacek Strauch, der die Titelrolle mit Wohlklang und Gefühl singt, und die höhensichere Ildiko Szönyi als Lady können diese Differenzierung stimmlich umsetzen und geben viel emotionale Farbe in ihren Gesang.

Vor allem vermag es Konwitschny in dieser Tragödie, konsequent das Komödiantische da aufzuspüren, wo Verdis Musik es hergibt.Der Marsch bei der Ankunft König Duncans etwa: Er kommt angetänzelt wie die Musik des Marsches - trivial und ausgelassen an der Spitze seiner Hofschranzen.Flott entledigt sich der alte Herr nicht nur des königlichen Hermlins, sondern auch der Uniform.Die charmante Gastgeberin hat das Bett gerichtet: Szenisch heißt es "Ab in die Falle", und die ist es denn auch wirklich - seine Bodyguards nützen ihm da nicht viel.

Auch die Ermordung Banquos wird ironisch-komödiantisch gebrochen: Die Mörder sehen aus wie von einem Beerdigungsinstitut.Sie haben die passenden Särge gleich mitgebracht.Ein Tuch, das über Banquos Sarg geworfen wird, genügt nach getaner Tat, um mitten in der Bankettszene zu landen."Hoch die Tassen" wird passend übertitelt, wenn die Lady, die Festgesellschaft bei Laune hält.Doch dann sehen alle, wie sich der blutüberströmte Banquo aus dem Grab erhebt und die Ermordeten auftauchen.Bei Konwitschny ist das keine bloße Halluzination des Königs, und man versteht, warum mit einem Mal die ganze Gesellschaft davon singt, daß dieses Land eine Mördergrube geworden ist.

Konwitschnys szenisches Hexeneinmaleins geht auch musikalisch auf, weil es durch Günter Neuhold und das Grazer Orchester mitgetragen wird, temperamentvoll, ohne je grob zu werden.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben