Kultur : Möwenliebe

Im Kino: „The Deep“ von Baltasar Kormákur.

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Foto: MFA
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Personen, die unter Adipositas leiden, taugen im Film nur bedingt zum Heldentum. Bester Freund des Helden geht gerade noch. Oder aber der Mann, der anfangs so viel mehr Platz auf Erden beansprucht als üblich, ist am Ende von Grund auf bescheidener dimensioniert. Beides ist hier nicht der Fall.

Am Anfang von „The Deep“ ist Gulli übergewichtig. Und am Ende ist er es immer noch. Ja, mehr: Das, was an ihm zu viel ist, diese lästigen Ester des dreiwertigen Alkohols Glycerin mit ihren drei meist verschiedenen geradzahligen unverzweigten aliphatischen Monocarbonsäuren – sie werden ihm das Leben gerettet haben. Gulli, das Rätsel, die Verlegenheit der Ärzte. Ihre Vermutung: Robbenfett. Hat Gulli Robbenfett?

Aber dies ist keine Komödie, hier muss jeder Scherz bezahlt werden, sofort. Was der Isländer Baltasar Kormákur hier inszeniert hat, ist ein Drama der existentiellsten Sorte. Zu unwahrscheinlich, zu abgründig, als dass er nur etwas daran hätte erfinden dürfen.

Zu den Fakten: Am 11. März 1984 flaut vor den isländischen Westmännerinseln der Sturm ab, doch der kleine Fischtrawler „Breki“ wird jäh gestoppt. Das Schleppnetz hat sich verfangen. Der Kapitän fährt einen Kreis, um es zu lösen, als eine Bö das Schiff packt. Wenig später sinkt es, die Fischer haben keine Chance. Doch irgendwann entsteigt ein Mann dem Meer, geht an Land. Puls und Blutdruck sind nicht mehr messbar; die Körpertemperatur liegt unter 35 Grad.

Spätestens jetzt, nach einer halben Kinostunde, bangt man um diesen Film. Denn er muss zeigen, was ein Buch der Sprache oder das Theater den symbolischen Räumen anvertrauen darf . Wie die Tiefe Gullis Kameraden holt, einen nach dem anderen. Eben noch versucht er sie festzuhalten, dann sieht er ihre leblosen Körper absinken. Fünf Grad Wassertemperatur. drei Grad Lufttemperatur. Gulli schwimmt. Was denkt einer, wenn er nichts mehr denkt? Was rettet ihn? Zuletzt vielleicht die Möwe, die ihn fand und bei ihm blieb. Mit der er sprach. Denn wer redet, lebt.

Das Meer trägt Ólafur Darri Ólafsson, und er trägt den Film. Seinen tiefen Sinn aber entwickelt „The Deep“ erst, als Gulli wieder an Land ist. Denn man kann nicht aus dem eiskalten Meer und durch eine tödliche Brandung an Land gehen und glauben, man gehöre wieder zu den Lebenden. Großartig, wie Kormákur das zeigt. Und wie Ólafsson das spielt: Die eigentliche Selbstrettung steht ihm noch bevor. Kerstin Decker

Filmkunst 66; OmU im fsk

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