Kultur : Mohammeds Pferd an der Klagemauer

Jerusalem gibt es nicht oder: Was palästinensische und israelische Schulbücher über den Nahost-Konflikt erzählen

Richard Chaim Schneider

Diesmal ist es Tony Blair, der wieder einen Versuch starten möchte, den Nahen Osten zu befrieden. Gerade zu Gesprächen in Jordanien, will er noch im Januar in London eine Konferenz für Palästina abhalten und dabei als Pate für den immer wieder geforderten Demokratisierungsprozess der Palästinensischen Autonomiebehörde zur Seite stehen. Hilfreich wäre allerdings, wenn ein Referent der EU ihm und anderen europäischen Politikern einmal ein Dossier zusammenstellen würde, in dem die von verschiedenen wissenschaftlichen Instituten (etwa dem MEMRI - The Middle East Media Research Institute in Washington oder dem CMIP - Center for Monitoring the Impact of Peace in Washington und Jerusalem) veröffentlichten Analysen enthalten wären: Die Politiker könnten dann weniger naiv überlegen, wie die erwünschte Demokratiesierung in den Palästinensischen Autonomie-Gebieten tatsächlich in Gang zu bringen wäre.

Demokratie, das sollte gerade die Bundesrepublik aus ihren Anfängen wissen, ist kein abstraktes politisches System, das man ohne weiteres übernehmen kann. Demokratie beruht auf einem Wertekanon, den man kennen und zu dem man auch erzogen werden muss. Daher ist ein Blick in die palästinensischen Schulbücher womöglich lehrreicher als jede internationale Überwachung palästinensischer Wahlen, die von Arafat gerade wieder auf unbestimmt verschoben wurden.

Lernen und leben in Widersprüchen

Von demokratischen Werten jedenfalls ist in den Schulbüchern palästinensischer Kinder nichts zu finden: Frieden, Toleranz und Ko-Existenz, die Entdämonisierung des Feindes, die Anerkennung historischer Fakten, Kritik oder Selbstkritik – alles Fehlanzeige. So gibt es bis heute keine einzige Landkarte, die den palästinensischen Kindern den Staat Israel zeigt, nicht einmal in den Grenzen von 1967. Stets ist ganz Palästina zu sehen. Aufgeführt werden ausschließlich arabische Städte, jüdische Metropolen aber wie Tel Aviv (bereits 1909 gegründet) oder Netanya sind nirgends verzeichnet.

In entsprechender Konsequenz werden der jüdische Staat und seine jüdischen Bewohner verleugnet oder zumindest beiseite geschoben. Der Name „Israel“ taucht kaum auf – und wenn, dann nie als Begriff für das Land. Stets ist nur von Palästina die Rede, gemeint ist immer das gesamte Territorium. Für „Israel“ müssen ansonsten andere Metaphern verwendet werden: „Das 1948er Land“ oder „Das Land innerhalb der Grünen Linie“ (als Grüne Linie werden die Grenzen von 1967 bezeichnet).

Etwas anders sehen die israelischen Schulbücher aus. Allerdings muss man zweierlei Schulsysteme unterscheiden. Es gibt in Israel die Schulen der ultra-orthodoxen Parteien, die der Staat nur „indirekt“ finanziert: Da die ultra-orthodoxen Parteien regelmäßig als Koalitionspartner gebraucht werden, lassen diese sich ihre Loyalität jeweils mit der Zusage erkaufen, ihre Schulen mit kräftigen Finanzspritzen aus dem Staatshaushalt zu unterstützen. Die Schulbücher dieser Gruppen, die etwa 15 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen, zeigen das komplementäre Bild zu den palästinensischen Unterrichtswerken: Landkarten präsentieren hier ein Israel, das sich vom Mittelmeer bis zum Jordan erstreckt. Nur „Israel“ taucht als Name des Landes auf. „Palästina“ oder „Palästinensische Autonomiegebiete“ sind nicht zu finden, ebensowenig die Namen der Anrainerstaaten. Die Sprache in den ultra-orthodoxen Schulbüchern ist stets von Überlegenheit geprägt, und nicht selten findet man negative Äußerungen über Araber.

Ein gänzlich anderes Bild liefern die Schulbücher der staatlichen Schulen, die 85 Prozent der Israelis besuchen. Nirgends ist der Aufruf zur Gewalt gegen Araber zu finden. Frieden wird nicht als Utopie dargestellt, sondern als politisch erreichbares Ziel. Zwar wird, bis auf wenige Ausnahmen, die Schuld am Konflikt den Arabern zugesprochen, doch Kritik an der eigenen Geschichte, die vor allem durch die Thesen der so genannten Neuen Historiker publik wurde, hat in einigen Geschichtsbüchern ihren Niederschlag gefunden.

Der Kampf der Palästinenser wird als nationale Befreiungsbewegung dargestellt. Ihre Ideen, Beweggründe und Ziele sind korrekt beschrieben, auch wenn man diese natürlich ablehnt. Nirgends wird die historische Verbindung der Palästinenser zum Land Palästina/Israel geleugnet. Historische Fakten sind objektiv wiedergegeben, auf die heiligen Stätten des Islams wird hingewiesen, der Islam selbst als Religion vorgestellt. In den neueren Schulbüchern finden sich Landkarten, die die Gebiete der Palästinensischen Autonomie besonders hervorheben, daneben sind die besetzten Gebiete speziell markiert.

In zahlreichen Büchern zur Sozial- und Staatskunde wird auch die Frage des Nationalcharakters Israels behandelt. Die beiden Optionen – Israel als rein jüdischer Staat oder als Staat aller seiner Bürger (ungeachtet ihrer Religion und Herkunft) – werden im Hinblick darauf, ob ein rein jüdischer Staat auch ein demokratischer Staat sei, komplex und vielschichtig behandelt. In diesem Zusammenhang finden sich auch intensive Auseinandersetzungen mit der Frage nach der nationalen und kulturellen Identität der rund 800 000 Araber, die israelische Staatsbürger sind. Mit anderen Worten: Die offiziellen israelischen Schulbücher spiegeln im Großen und Ganzen die demokratischen Grundwerte einer freien Gesellschaft wider, die weder zum Krieg noch zum Rassenhass aufruft. Wobei natürlich die eigene politische Position als die richtige interpretiert wird.

Zurück zu den palästinensischen Schulbüchern: Frieden mit Israel – dieser Gedanke fehlt gänzlich. Das Oslo-Abkommen, inzwischen zwar Makulatur geworden, aber immerhin ein erster ernsthafter Versuch zur Konfliktlösung, wurd in allen derzeit existierenden Schulbüchern nur drei Mal erwähnt, davon einmal sogar in einem militärischen Kontext. In der entprechenden Passage wird von der Gründung der „Palästinensischen Befreiungsarmee“ im Exil erzählt. Dann heißt es weiter: „Nach der Unterzeichnung des Oslo-Abkommens zwischen der PLO und Israel im September 1993 ist der Großteil der Befreiungsarmee nach Palästina gelangt“ (Nationale Erziehung, sechste Klasse).

Die EU finanziert Propaganda

Nirgendwo wird darauf hingewiesen, dass Juden eine historische und religiöse Verbindung zu Israel/Palästina haben. Jüdische Heiligtümer werden als ausschließlich islamische dargestellt oder neuerdings als heilige islamische Stätten reklamiert. Zwei Beispiele: Die Höhle Machpela, also das Grab des Patriarchen Abraham und seiner Familie in Hebron, ist sowohl dem Judentum wie dem Islam heilig. Das liest sich im Schulbuch für die siebte Klasse so: „Der Versuch, einige der heiligen muslimischen Stätten zu judaisieren, wie etwa die Moschee des Abraham (gemeint ist die Grabstätte in Hebron)...“ Ebenso gilt das von Arabern Jahrhunderte lang anerkannte Grab der jüdischen Stammmutter Rachel bei Bethlehem inzwischen als „die Moschee des Bilal Bin Rabbah“, eines Weggefährten des Propheten Mohammed.

Allgemein bekannt ist, dass Jerusalem im Koran kein einziges Mal erwähnt ist, in der Thoraund im alten Testament jedoch mehrere hundert Mal: als Hauptstadt Israels, als Stadt König Davids, vor allem aber als das Zentrum jüdischen Glaubens, als die Stadt des jüdischen Tempels. Diese Verbindung des Judentums zu Jerusalem wird schlicht geleugnet: „Jerusalem... ist im Blickfeld des Weltinteresses wegen seiner muslimischen und christlichen heiligen Stätten“ (Geografie Palästinas, 7.Klasse). Oder: „Jerusalem (Urushalim): Eine palästinensische Stadt, die von den arabischen Canaaniten (den Jebusitern) gebaut wurde und von ihnen Jebus genannt wurde... Der aktuelle Name heute ist al-Quds“ (Christliche Erziehung, 2.Klasse).

Die Existenz des jüdischen Tempels wird zwar nicht geleugnet, doch sein jüdischer Charakter völlig ausgeklammert: „Der Tempel (al-Haykal): Das Wort bedeutet ,das Große Haus’, ein Ort, wo man Gott gedient hat, so wie die Kirche heute“ (Christliche Erziehung, 2.Klasse). Ähnlich wird die Klagemauer, die Westmauer des jüdischen Tempels, zu einer „arabischen Mauer“ uminterpretiert. Dort habe Mohammed bei seinem Ritt in den Himmel sein himmlisches Tier, al-Buraq, angebunden. Die Stätte wird daher in den Schulbüchern al-Buraq-Mauer genannt.

So etwas wie eine historische Mitverantwortung für den israelisch-arabischen Konflikt wird nicht thematisiert. Nur von der israelischen Schuld ist die Rede. Juden werden grundsätzlich als Aggressoren, als Besatzer, als Mörder dargestellt. Dass das palästinensische Flüchtlingsproblem unter anderem auch entstanden ist, weil die arabische und palästinensische Führung den UNO-Teilungsplan Palästinas von 1947 abgelehnt hatte, bleibt ebenso unerwähnt wie der Angriff der arabischen Staaten auf den eben gegründeten jüdischen Staat 1948.

So ist es kein Wunder, dass immer wieder der Dschihad, der heiligen Krieges und das Märtyrertum (dazu zählen die Selbstmordattentate von heute) glorifiziert werden. Zwei Beispiele: „Dschihad kommt unmittelbar nach dem Gebet“, heißt es im Lehrbuch „Unsere Wunderbare Sprache“ für die 6.Klasse. Und weiter: „Liebe Schüler, wir erwarten von euch nach dem Studium dieser Lehreinheit, dass ihr folgende Ziele begreift: (...) die Verherrlichung des Konzeptes von Märtyrertum und der Märtyrer.“ Beispiele wie diese lassen sich beliebig fortsetzen.

Bemerkenswert bleibt daran vor allem, dass ein Großteil der palästinensischen Unterrichtswerke mit Hilfe von EU-Geldern hergestellt wurden. Der deutsche Anteil daran beläuft sich auf etwa die Hälfte. Schon vor längerer Zeit wurde das Auswärtige Amt auf die anti-israelische und anti-demokratische Tendenz dieser Schulbücher hingewiesen. Außenminister Joschka Fischer, der als ehrlicher Makler in Nahost von beiden Seiten respektiert wird, hat eine Untersuchung angekündigt. Ein Ergebnis dieser Untersuchung liegt jedoch bis heute nicht vor.

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