Kultur : Mohr im Dunkeln

„Tryin’ Othello“: Jürgen Kruses Shakespeare- Verschnitt im Deutschen Theater Berlin

Peter Laudenbach

Früher hat der Regisseur Jürgen Kruse in seinen Theater-Halbschlaf-Exerzitien wenigstens noch Neil Young aufgelegt, oder die Toten Hosen. Kruses neue Inszenierung in den Kammerspielen des Deutschen Theaters versinkt ohne den Beistand des Rock’n’Roll im Halbdämmer. Sie wirkt wie ein einziger, sehr lang gezogener Kater, durch den lauter Restalkohol-geschädigte Figuren etwas orientierungslos taumeln. Der Abend gibt ehrlicherweise im Titel „Tryin’ Othello“ zu erkennen, dass wir es mit einem unverbindlichen Shakespeare-Test zu tun haben.

Die Bühne: symbolschweres Gerümpel, samt geflügeltem Löwen in Gold, das Wappentier Venedigs als trashiges Deko-Element. Der Grundeinfall der Inszenierung besteht darin, dass aus dem Dunkel der Bühne einzelne Figuren ins spärliche Scheinwerferlicht der Rampe treten und ihren Text abspulen. Raffiniertes Konzept – schließlich geht es um Lügen und Unterstellungen, um Nicht-Wissen und die Gespenster der Eifersucht, die Herr Othello sieht, weil sie ihm der Intrigant Jago raffiniert einflüstert. Bernd Stempel als Jago ist eher schrullig als dämonisch, ein ranzig gewordener Alt-Hippie mit Nickelbrille, vom Abgrund der zweckfreien Bosheit denkbar weit entfernt. Wolfram Koch als Othello, der Mohr von Venedig, der Schwarze, der Soldat im Dienst der Venezianer, hat schöne Momente von Naivität. Weshalb er ins Rasen einer Amok laufenden Eifersucht stürzt, lässt sich höchstens ahnen. Annika Kuhl als Desdemona ist vor allem hübsche Projektionsfläche für Männerfantasien. Fast die einzige starke Szene des mit vier Stunden mindestens drei Stunden zu langen Abends ist die sanfte, zärtliche Ermordung Desdemonas – ein tödlicher Liebesakt.

Wieder am 30. 11. und am 5. 12.

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