Mojca Erdmann und das Delian Quartett : Fünf Freunde sollt ihr sein

Streichquartett plus Stimme - eine selten zu hörende Kombination. Mojca Erdmann und das Delian Quartett waren jetzt mit einem anregenden Programm im Konzerthaus zu Gast.

Mojca Erdmann
Mojca ErdmannFoto: picture alliance / dpa

Streichquartett, das ist die konzentrierteste, innerlichste, manche sagen: nobelste Form der Klassik. So festgefügt sind die Vorstellungen, dass man sich über jeden Ausbruch freut. Also: Warum nicht mit Gesang? Schließlich heißen die vier instrumentalen Partien auch „Stimmen“. Im Kleinen Saal des Konzerthauses haben sich Mojca Erdmann und das Delian Quartett zusammengetan – für einen ohrenöffnenden Abend. Er kombiniert Stimme mit Streichquartett, darüber hinaus, und damit verwandt, hat er noch einen weiteren thematischen Schwerpunkt: die Überarbeitung älterer Musik durch zeitgenössische Komponisten.

„Überschreibung“ wäre besser. So nennt es der Italiener Stefano Pierini, Jahrgang 1971. Als Palimpsest, als Abschaben und neu Beschreiben eines Pergaments, sieht er seine Version dreier Madrigale von Monteverdi. Und wie beim Pergament bleiben auch hier Fragmente des Vorgängertextes erhalten. Die vier Streicher setzen Klanginseln, stubsen die Saiten oft nur leicht an, dann wird es richtig laut, bevor – Ritsch! – eine krasse Zäsur für lange Stille sorgt. Fülle kommt mit Erdmanns Sopran ins Spiel: sphärisch, vollsatt, in allen erdenklichen Schattierungen von Weiß, aber fast zu groß für den Kleinen Saal.

Offenliegende Nervenenden

Von welcher Tradition man sich überhaupt absetzt, wird bei Haydns erstem Streichquartett aus op. 33 hörbar. Mit silbrigem Stich und brummelnder Erdung dominieren die Eckstimmen, Adrian Pinzarus Primgeige und Miriam Prandis Cello. Andreas Moschos zweite Geige und Georgy Kovalevs Bratsche können nicht die gleiche Wirkung entfalten, eine Unwucht durchzieht das Spiel des Quartetts. Das gleichwohl wie offenliegende Nervenenden aufeinander reagiert.

Mit großer Meisterschaft hat Aribert Reimann, der wie Pierini im Publikum sitzt, in „Mignon“ vier Goethe-Lieder von Franz Schubert auf eine neue Ebene gehoben, die Klavierstimme für vier Streicher aufgefächert, den Sopran darin eingebettet, voller Respekt vor dem Original. Pierini ist radikaler: In „Liebesmaschine“ hat er zwei Wagnersche Wesendonck-Lieder „transfiguriert“, wie er es nennt. Mit extraterrestrischen Obertönen, unter denen sich die Reste der vertrauten Tristan-Musik wie durch mehrere Schichten hindurch an die Oberfläche arbeiten. Radikal war auch Schönberg in seinem 2. Streichquartett: Erstmals setzt er die menschliche Stimme ein, wie Beethoven hundert Jahre zuvor in der Symphonie. Aber es wirkt völlig natürlich und organisch, wenn Mojca Erdmann im dritten und vierten Satz dazukommt. Als sei es schon immer so gewesen.

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