Kultur : Moldauheringe

Zagroseks Saisonauftakt im Berliner Konzerthaus

Christiane Tewinkel

Dabei haben die Ferien doch gerade aufgehört. Eine Art Schulfest für Erwachsene aber erwartet die Besucher des Orchesterfests zur Saisoneröffnung im Konzerthaus. „Berlin – Sinfonie einer Großstadt“, heißt dieser Abend für die Kräftigung der Kommunität. Anfangs muss man an Anja Silja denken, die einmal sagte, sie beherrsche das Stehen so gut. Denn der Saal ist leergeräumt; stehend lauscht man dem Konzerthausorchester unter Lothar Zagrosek, das nun einen Marsch von Krenek spielt und darauf das Vorspiel zu Schrekers Oper „Die Gezeichneten“.

Georg Blüml singt dann Eislers „Wohltätigkeit“ oder die „Ballade von den Säckeschmeißern“, und fast spürbar erwachen nostalgische Gefühle im Saal. Später wird der Münchner noch viel mehr so tun, als könne er gar nicht singen, ganz nach Art des alten Eisler. Mit dem „Lied vom SA-Mann“ gelingt ihm damit ein großer Glanzpunkt. Dazwischen aber wird der herrliche dritte Akt von Walther Ruttmanns „Sinfonie der Großstadt“ (1927) gezeigt: Züge, Droschken, Omnibusse, Wachtmeister, die nicht nur den Verkehr regeln, sondern auch die Püppchen in den Schaufenstern zittern machen. Edmund Meisel hat dazu seinerzeit eine schnattrige, dann wieder lärmend-maschinistische Musik geschrieben, Mark-Andreas Schlingensiepen den Klavierauszug für Orchester rückbearbeitet.

Klock zwölf im Film schlägt Zagrosek ab. Ein Ausflug noch zu Schönbergs zager, hochnervöser Lichtspielmusik op. 34, und am Schluss Weills „Dreigroschenmusik“. In der Pause dann ein sehr reelles Essen, Schmalzstullen und Heringssalat, und um zehn potenziert sich die Identitätsstiftung, indem das Publikumsorchester die „Moldau“ intoniert. Das wird eine große Gaudi. Vierzehn Klarinetten allein, ebensoviele Querflöten.

„Sie kommen nicht schneller nach Hause, wenn Sie schneller spielen“, sagt Zagrosek zu den ersten Geigen. Spätnachts tritt das „Capital Dance Orchestra“ auf. Die jungen Paare flüchten an den Rand, die alten wiegen sich in freundlicher Umarmung. Christiane Tewinkel

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