Kultur : Moloch Hauptstadt

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Von Cristina Moles Kaupp

Liebe ist nur ein Wort. Und provoziert in China immer noch. Jene etwa, die einst Liebe pur forderten für Mao und seine Partei allein. Bekanntlich haben sich die Zeiten geändert, und so sucht Dezi, Protagonist in Ning Yings „I love Beijing“, hartnäckig nach der einen, mit der er glücklich werden kann.

Dezi ist Taxifahrer. Kein Intellektueller, also keiner von den armen Schluckern. Also hat der junge Mann in einen Volkswagen investiert, ein Auto, das die Frauen lieben. Meint er jedenfalls und hofft, dass deren Begeisterung auch auf ihn abfärbt. Von lakonischem Selbstvertrauen beflügelt, zischt er rastlos durch Beijing - immer dem Glück hinterher. Dabei lässt sich Dezi vom Zufall lenken, driftet durch manche Milieus, lauscht sich in die Leben seiner Fahrgäste, flirtet, beginnt Affären. Viel Glück in der Liebe ist ihm allerdings nicht beschieden.

Ning Yings Film beginnt mit Dezis Scheidung und tastet sich rückwärts durch die Chronologie seiner Abenteuer. Da ist eine aufgeschlossene Intellektuelle mit Brille, da ist eine Naive vom Lande. Eine wird sich umbringen, die andere auf schwülstigen Hochzeitsphotos bestehen. Und Dezi? Staunt sich naiv durch Tage und Nächte. Mal transportiert er Kriminelle in ausgeblichene Betonburgen, mal wird er mitgeschleift auf ihrem Zug durch Nachtbars und Nobelhotels. Vibrierend in seiner zwanghaften Geschäftigkeit verkörpert Dezi den modernen Chinesen, dessen Leidenschaft inzwischen allein Boomtown Beijing gehört, dem Mekka der Glücksucher.

Und was für ein Beijing! Ein gefräßiger Moloch, monströs, schrundig und eiskalt. Zum Zeitpunkt des Drehs vor drei Jahren wurde die Innenstadt gerade auf den 50. Geburtstag der Partei getrimmt. Ganze Stadtviertel müssen Glasgiganten weichen, die Chinas ökonomischen Aufbruch und seine neue Präsenz im Weltgefüge signalisieren. Baustellen säumen Dezis Fahrten, leergefegte Planquadrate für neue Visionen. Selbst das Dunkel der Nacht wird von unzähligen Scheinwerfern geblendet, damit eifrig weiterbetoniert werden kann. Dann fällt der Blick auf die Bewohner: Ziellos hasten sie umher, pferchen sich in kleinste Behausungen. Nüchtern eingefangen von Yings Digitalkamera, die auf allen Ebenen Verwirrung dokumentiert - kein Wunder, wenn sich das Gewohnte täglich rasant verändert.

„Man hatte ein wenig das Gefühl, das sei der letzte Geburtstag der sozialistischen Partei, und jetzt sei China daran, sich von einem postsozialistischen in ein postmodernes Land zu wandeln“, sagt Ning Ying. Die 1959 Geborene zählt zur Generation jener Filmemacher, deren Arbeiten sich inhaltlich wie formal mit Fragmenten auseinandersetzen. Zäsuren in der Geschichte, Brüche im Alltag, Narben im Sozialgefüge.

„I love Beijing“ ist ihr vierter Film und streift die Demontage angestaubter Symbole, das Verschwinden traditioneller Werte wie Familiensinn und Generationenvertrag. Die Zeit der Erziehung zum Idealismus ist längst beendet, jetzt frisst der Warenfetischismus seine Opfer. Erschreckend, doch auch spannend, wie Ying ihre Eindrücke montiert. Neben typischen Großstadtbildern von Monsterkreuzungen, gigantischen Rolltreppenkonstruktionen, leeren Fabriken und elenden Behausungen zoomt sie sich in irritierende Parallelwelten: Sie beobachtet alte Männer, die sich in einem Hain gymnastisch verrenken. Mütter, die Schwiegertöchter verprügeln, Neureiche, die Dienstleistungen mit Schlägen quittieren. Und jenen dreisten Habenichts, der sich mit seinem Kind von Dezi in eine gottverlassene Gegend fahren lässt. Der Mann kann die Fahrt nicht bezahlen, hält sich jedoch königlich gerade dabei, als wäre er selbst überrascht von seinem Mut. Zunehmend verzweifelnd hascht Dezi inmitten dieser roher Szenen nach seinem Glück. Und hat doch keine Vorstellung davon, wie es wohl aussehen mag und welchen Part er darin spielt.

Filmbühne am Steinplatz, fsk und Hackesche Höfe (OmU)

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