MoMA PS1 in New York : Regen aus der Kiste

Kunst trifft Ökologie: MoMA-Kurator Klaus Biesenbach zieht mit seiner Expo durch New York. Er will zeigen, dass man sich auch in der Kunstblase mit Fragen nach der Zukunft einer globalisierten Welt beschäftigt.

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Agnes Denes „Wheatfield – A Confrontation: Battery Park Landfill, Downtown Manhattan“, 1982.
Agnes Denes „Wheatfield – A Confrontation: Battery Park Landfill, Downtown Manhattan“, 1982.Foto: Agnes Denes. Courtesy Leslie Tonkonow Artworks + Projects

Katharina Sieverding trägt wenig Kleid und einen Drink in der Hand. Viel mehr sieht man nicht auf dem übergroßen Fotoporträt, das Klaus Mettig unter freiem Himmel aufgenommen hat: Um die Künstlerin herum ist es schwarz wie die Nacht. Willkommen in New York 1977. Gerade erst hat der private Stromversorger die Preise erhöht – vorgeblich, um die Versorgung zu sichern. Geschehen ist offenbar wenig, denn bald darauf gehen im Big Apple für zwei Tage die Lichter aus. „The Great White Way Goes Black“, Sieverdings monumentale Arbeit, dokumentiert den ersten Abend dieser Energiefinsternis, die später zu Plünderungen und Unruhen führte.

Im MoMA PS1, dem Ableger des Museum of Modern Art im New Yorker Stadtteil Queens, hängt die Arbeit aktuell in einer ehrgeizigen Ausstellung. „Expo 1: New York“ bezieht beide Institutionen ein und ist eine Idee von Klaus Biesenbach, dessen Aufstieg als Chefkurator des MoMA in eben jenem PS1 begonnen hat. Die Ausstellung will er als ein Signal verstanden wissen. Dafür, dass man sich sich auch in der leicht isolierenden Kunstblase mit Fragen nach der Zukunft einer globalisierten Welt und ökologischen Krisen beschäftigt.

Begleitet wird diese Einsicht von einer Geschichte, die Biesenbach zur Eröffnung erzählt: Während der Vorbereitungen, so der frühere Leiter der Berliner Kunst-Werke, habe er häufiger mit den Co-Kuratoren der Ausstellung telefoniert. Was ist das bei dir für ein Lärm, meinte im Oktober 2012 dann Ulrich Obrist vom anderen Ende der Welt, weil er Biesenbach kaum noch verstehen konnte. Da ließ der Wind in New York erst die Fenster klappern, bevor er als Hurrikan Sandy das Galerieviertel Chelsea teils unter Wasser setzte.

"Expo 1: New York"

Tatsächlich hat der Sturm nicht bloß zahlreiche, vor allem junge Kunsthändler mittellos gemacht. Zuvor verwüstete er mit Rockaway Beach ausgerechnet ein Stück von Queens, in dem neben Geringverdienern viele Künstler wohnen – weil Raum hier preiswert ist und man sich sogar kleine Wochenendhäuser leisten kann. Am äußersten Ende dieser Halbinsel steht nun der dritte Teil von „Expo 1: New York“. Ein weißes Zelt, in dem Kurse für Kinder, Performances oder Pflanzaktionen stattfinden. Sie sollen Ersatz für das Alltagsleben bieten, das in der Vergangenheit den ganzen Sommer über am ehemals wunderbaren Strand stattfand.

Vom Sand ist hier ebenso wenig übrig wie von der Promenade, deren tonnenschwere Betonpfeiler aus der Verankerung gerissen wurden. Wer sieht, was Sandy bis weit ins Landesinnere angerichtet hat, der fragt sich, wie eine Ausstellung mit 35 künstlerischen Positionen neben das schier übermächtige Bild einer zerstörerischen Naturgewalt passen will. Und wie Biesenbach es vermeidet, die Werke als pure Illustration seiner These zu verwenden. Denn „Expo 1: New York“ soll nichts weniger sein als die Neuausrichtung einer Institution, die sich den „ökologischen Herausforderungen und sozio-politischen Instabilitäten des frühen 21. Jahrhunderts“ stellen muss.

Es sind die klugen Setzungen im PS1, mit denen die Ausstellung überzeugt. Starke Bilder wie die Installation „Bródno People“ (2010) von Pawel Althammer – eine Prozession seltsam gekleideter Wesen in Menschengröße, mit denen man die letzten Bewohner eines sterbenden Planeten assoziiert. Endzeitstimmung mag dennoch nicht aufkommen, dafür ist das intellektuelle, abgründige und vielfach ironische Potenzial der Arbeiten zu hoch. Eher erklärt sich der Untertitel der Schau: „Dark Optimism“: Auch die mittlere, vor allem aber die junge Künstlergeneration wird mit dem versehrten Planeten leben müssen. Sie tut dies trotzig und mit beißender Kritik an der vorherrschenden Tatenlosigkeit.

Olafur Eliasson macht ein Klassenzimmer zum Gefrierfach

Daran haben sich schon andere gerieben, die ebenfalls Teil der Ausstellung sind. Joseph Beuys etwa sammelte 1972 nach einer Demonstration in Berlin als „Ausfegen“-Performance den Müll der Teilnehmer auf. Noch früher setzt der US-amerikanische Künstler Ansel Adams an, der bereits in den vierziger Jahren regelmäßig in die von ihm fotografierten Nationalparks zurückkehrte, um die stete Veränderung der Landschaft zu dokumentierten.

Zu den Natursensiblen der ersten Stunde gesellen sich Zeitgenossen wie Klara Lidén oder John Miller oder Adrián Villar Rojas. Auf dem Dach des PS1, einer ehemaligen Schule im sozialen Brennpunkt, wächst ein Gemüsegarten, und aus einem der früheren Klassenzimmer hat Olafur Eliasson eine Art Gefrierfach gemacht: Mehrere jahrhundertealte Eisblöcke aus Island werden umweltverträglich auf den Gefrierpunkt heruntergekühlt. Man kann über die Sinnhaftigkeit einer solchen Installation streiten, denn der Aufwand für „Your waste of time“ ist groß und das Ergebnis letztlich ein flüchtiges Kunstwerk, das man überdies nicht lange anschauen kann, weil die Kälte im Raum körperlich schmerzt. Dafür erinnern die eisigen Blöcke daran, dass es sie vielleicht bald nicht mehr geben wird. Eine gewisse Schizophrenie gehört ebenso zum Kern der Ausstellung wie der Grenzübertritt zum Kitsch. Dafür steht die internationale Künstlergruppe Random International mit ihrem „Rain Room“: In einer Kiste neben dem MoMA spaziert der Besucher durch eine Regenfront, die dank technischer Finessen immer dort Platz macht, wo sich gerade etwas bewegt. Noli me tangere als Wasserspektakel und seit dem ersten Tag der Darling des Publikums.

Der Autokonzern VW, der das Museum seit 2011 finanziell fördert, unterstützt auch „Expo 1: New York“ und gab zur Eröffnung die Verlängerung der Kooperation bekannt. Auch hier stutzt man kurz. Sind Autos nicht Teil des Problems? Andererseits stellt sich das Unternehmen der kritischen Auseinandersetzung und sponsert keinen bequemen Blockbuster.

Ein ebenso nützliches wie nötiges Projekt, auch das macht Rockaway Beach anschaulich, wo noch Monate nach dem Hurrikan der öffentliche Nahverkehr nicht wieder funktioniert. Wer von dort nach Manhattan will, steckt im Dauerstau und hat Zeit, sich mit dem Zustand der Straßen, den Klimaanlagen an den Fassaden und der dunstigen Schicht über der Stadt zu befassen. Ressourcenverschwendung ist wahrhaftig keine Sache der Vergangenheit. So wird die Arbeit von Katharina Sieverding zu einem Menetekel dafür, wie sehr sich die Zeiten gleichen.

MoMA PS1, bis 28.7. bzw. 2.9., Infos: www.momaps1.org

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