Momentaufnahme : Was nur das Theater schenkt

Der Freund, der Streiter: Abschied von Ivan Nagel auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof.

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Als der Sarg aus der Kapelle getragen wird, fallen ein paar Regentropfen, unmerklich. Es ist ein schöner, heller, warmer Freitagvormittag gewesen, nun soll der Himmel sich zuziehen. Dem Frühling ist nicht zu trauen. Es wird schon wieder nass und grau. Hätte sich mit einem Mal die Erde aufgetan, weithin, auf dem Doro theenstädtischen Friedhof, sie hätte zwei Generationen deutscher, Berliner Theaterkünstler, Intendanten, Dichter, Verleger, Kulturpolitiker verschluckt. Das Begräbnis des Ivan Nagel hat sie in großer Zahl zusammengebracht. Es bleibt als Ereignis in Erinnerung, würdig eines so sinnlich veranlagten Intellektuellen. Am Ostermontag ist er in Berlin gestorben, wenige Wochen vor seinem 81. Geburtstag.

Und wenn es denn wirklich unausweichlich ist, das Sterben und Begrabenwerden, dann wünscht man es sich so. Ein heiterer Geist weht durch den Raum, ein feiner Witz, und das heißt ja nicht, dass es keine Ergriffenheit und Trauer gibt. Wenn einer wie Ivan Nagel geht, dann kommen so viele Erinnerungen zurück – an seine Zeit als Intendant in Hamburg und Stuttgart, an seine Berliner Jahre, da er immerzu präsent war, als Publizist, auf Podien, in der Öffentlichkeit, die in dieser Stadt vor allem auch eine kulturelle ist. Oder: Ivan Nagel hat dafür gekämpft, dass die Kultur respektiert wird und lebendig bleibt. Er war im gleichen Maß ein Traditionalist wie ein leidenschaftlicher Erneuerer; anders ist es wohl nicht möglich.

Elfriede Jelinek hat eine kleine Rede geschickt, die Schauspielerin Barbara Nüsse liest sie für die Trauergemeinde. Da drehen sich die Worte und Gedanken um einen Mann, der auch ein Rätsel war, „jemand, an den ich nicht rühren konnte“, schreibt die Literaturnobelpreisträgerin. „Ein Fremder, der gekämpft hat, kein Fremder mehr sein zu müssen.“ So gut habe man einander nicht gekannt. Die Jelinek drückt in ihren Sprachschleifen etwas aus, das mancher empfunden haben mag. Ivan Nagel hat eine Distanz gehabt zwischen sich und der Welt, allein schon wegen seiner Formulierungskraft und seiner Kennerschaft – und durch seine persönliche Geschichte als Jude, als Ungar, als Homosexueller, die die Geschichte des 20. Jahrhunderts ist.

Und plötzlich diese Leichtigkeit. Die Sängerin Maria Husmann trägt Sätze von György Kurtág vor, dem Nagel sehr verbunden war, Kompositionen nach Georg Christoph Lichtenbergs „Sudelbüchern“. Darunter den unsterblichen Aphorismus: „Wer in sich selbst verliebt ist, hat wenigstens bei seiner Liebe den Vorteil, dass er nicht viele Nebenbuhler erhalten wird.“ Da geht ein zartes, kaum unterdrücktes Lachen durch die Friedhofskapelle.

Als Luc Bondy ans Mikrofon kommt, dreht er sich zum Sarg hin und kündigt ein „Zwiegespräch mit Ivan“ an, dem Freund. Der Regisseur Bondy hatte mit dem Theaterchef Nagel so manchen Streit, doch wie es im Talmud heißt: Wenn Freunde streiten, vermehrt der Disput das Wissen. Luc Bondy kann an eine ganze Chronologie des Streitens erinnern, und das ist am Ende nichts anderes als die alles in allem doch fantastische Bilanz des Intendanten Ivan Nagel. Und – „wenn die Toten reden, wirst du mit ihnen streiten“. Was für ein schöner Satz von Bondy an seinen Freund, der jetzt neben Hans Mayer liegt, dem Literaturwissenschaftler, und nahe bei Christa Wolf. Und die andern, Heiner Müller, Brecht, Thomas Brasch, Heinrich Mann, sind nicht fern.

Der letzte Redner kann nicht anders, er wird lustig. Es ist der Regisseur und Musiker Christoph Marthaler. Er nennt Nagel seinen „Theatervater“, er hat ihm seine künstlerische Heimat zu verdanken. Das kam damals, nach der Wende, als im sogenannten Nagel-Gutachten für den Senat Frank Castorf für die Intendanz der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz vorgeschlagen wurde. Castorf sitzt dort noch heute, aber es war eine grandiose Epoche, in den neunziger Jahren, mit Christoph Marthaler, Christoph Schlingensief. Ivan Nagel hat das alles mit angestoßen.

Und dann erzählt Marthaler eine Geschichte, über die sie immer fürchterlich gelacht haben, Ivan und er. Es geht um den Europäischen Theaterpreis, der seinerzeit in Taormina, auf Sizilien, verliehen wurde. Marthaler ist überzeugt, dass er auch diesen Preis Ivan Nagel zu verdanken habe. Bei der Preisverleihung habe Nagel sowohl Brille als auch Text vergessen und obendrein nicht bemerkt, wie Jack Lang, damals französischer Kulturminister, auf die Bühne kam und die falsche Rede hielt – eine Laudatio auf Václav Havel. (Eingeweihte wissen, dass die Taormina-Tage berühmt waren für ihre schlechte Organisation und exquisite Alkoholversorgung.)

Das Komische vergeht schnell, wenn die Träger sich mit dem Sarg auf den Weg machen, mit den verstummten Trauergästen im Geleit. Die Stunde war ein Geschenk, das Ivan Nagel hinterlässt. Das Abschiedsgeschenk eines Theatermannes.

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