Kultur : Mond über der Ukraine

Der Roman als Roadmovie: „Alles ist erleuchtet“

Sebastian Handke

Für die Verfilmung eines von der Kritik gefeierten Erfolgsromans ist dies eine überraschend kleine Produktion. Jonathan Safran Foer aber fand, dass seine Geschichte um einen amerikanischen Juden, der in der Ukraine nach den Spuren jener Frau sucht, die seinen Großvater vor den Nazis rettete, bei Liev Schreiber in guten Händen sei. Schreiber ist Schauspieler („Scream“, „The Manchurian Candidate“), vor allem aber hat seine Familie ebenfalls ukrainische Wurzeln. Sich einen sprachlich überbordenden, eigentlich unverfilmbaren Roman für ein Regiedebüt aussuchen, ist mutig. Schreiber macht trotzdem – fast – alles richtig.

Der Film handelt von einer Suche, die zur Irrfahrt wird, es ist ein klassisches Roadmovie von teilweiser hoher Komik. Andere der kunstvoll ineinander verschränkten Schichten des Romans – der magische Realismus des Dörfchens Trachimbrod im 18. Jahrhundert, die seltsamen Briefe des Reiseführers Alex (Eugene Hutz) – fehlen zur Gänze. Die Odyssee durch die Ukraine war entstehungsgeschichtlich der Kern des Romans, und Liev Schreiber wollte sie schon verfilmen, als es den Roman noch gar nicht gab. „A Very Rigid Search“ hieß der Auszug aus dem Manuskript, der als Kurzgeschichte im „New Yorker“ erschienen war.

Eine Herzensangelegenheit also, das führt zu Unebenheiten und zu Eigenmächtigkeiten. Davon abgesehen ist „Alles ist erleuchtet“ ein schöner Film geworden, dem es gelingt, burlesk und zärtlich zugleich zu sein. Der formal niemals so ambitioniert sein möchte wie seine Vorlage, und doch lange im Gedächtnis bleibt. Dass die wunderbaren Bilder, das Meer aus Sonnenblumen, der Mond über der Ukraine, ihm nicht zu Kitsch gerinnen, ist einem Drehbuch zu verdanken, das nur solche Sätze sprechen lässt, die auch gebraucht werden, und zwar von ausgezeichneten Darstellern – allen voran der mit bemerkenswertem komödiantischem Timing ausgestattete Hund „Sammy Davis Junior Junior“. Eugene Hutz, Sänger der Folkpunk-Band „Gogol Bordello“ ist als Reiseführer Alex die Entdeckung des Films: ein Pessimist mit optimistischer Lebenseinstellung (oder umgekehrt), der das von Foer so glänzend erfundene Radebrech-Englisch mit hinreißender Lakonie spricht.

Der russische Charakterdarsteller Boris Leskin spielt Alex’ Großvater, der nach und nach zum eigentlichen Zentrum des Filmes wird, während sich das turbulente und von trötenden Klarinetten kommentierte Roadmovie zum träumerischen Drama wandelt. Schreiber gelingt es allerdings nicht, die Vergangenheit seiner Figuren im Film zu verankern. In fortwährend an Länge gewinnenden Rückblenden nimmt diese allmählich Gestalt an, wird aber in keiner Weise zum Teil des Geschehens selbst.

Foer spiegelt im Roman souverän die Zeitebenen ineinander – Schreiber bekommt es nicht hin, vielleicht fehlt ihm bei allem Talent doch noch ein wenig Handwerk. Trauer, Selbsthass, Scham werden am Ende nur illustriert. Bilder vom ungemein kameratauglichen Gesicht des Großvaters fordern uns auf, gerührt zu sein, und wir sind gerührt, doch es ist nur die Reaktion auf einen Reiz. Das ist ein gewichtiges Manko, ganz besonders in einer Geschichte, die sich das Ausstrahlen der Vergangenheit auf ihre Zukunft zum Thema macht. Elijah Wood spielt Jonathan, der ins Land seiner Vorfahren aufbricht. Er schlägt sich wacker, wie beim „Herrn der Ringe“ geht es auch in „Alles ist erleuchtet“ um ein Schmuckstück.

In Berlin im Film-Palast und im Filmtheater am Friedrichshain

0 Kommentare

Neuester Kommentar