Kultur : Mond und Mandeln

DOROTHEA TÖRNE

Sechs junge Lyriker lasen im Literarischen Colloquium BerlinVON DOROTHEA VON TÖRNEDie widersprüchlichen Tendenzen gegenwärtiger Lyrik ließen sich kaum wirkungsvoller präsentieren als mit diesen sechs, noch weitgehend unbekannten Autoren.An drei Abenden bot das LCB ein Kontrastprogramm der Unikate.Der Essayist und Anthologist Michael Braun hatte sie spannungsreich plaziert: Jayne Ann Igel, so etwas wie die Dana International der Poesie, da 1954 in Leipzig als Bernd Igel im falschen Körper geboren, trug gelassen ihre minutiös tastenden Protokolle über exemplarische "Bruchstellen einer Traumbiographie" neben dem zappligen Dresdener Wolfgang Dietrich (geb.1956) vor.Subtiles work in progress neben dem jähen "Sturz der Sprache in diesem Mistjahrhundert".Im Kostüm des nervösen Erzengels fuhr Dietrich hernieder aufs poetische Parkett und wirbelte seine Borstenwürmer, Wolkenzwiebeln und errötenden Pflastersteine ins verblüffte Publikum.An lang Vergessenes und vor kurzem noch Verpöntes knüpften die anderen an: Romantik, Surrealismus und die Poesie der archaischen Zeichen.Norbert Hummelt (geb.1962 in Neuss am Rhein) gab seinem "Singtrieb" (Titel seines Bandes bei Urs Engeler) nach und schmetterte vitale romantische Gesänge durch die Wannseevilla.Seinen Weg von den "knackigen Codes" zu den "Knackmandeln" Eichendorffscher und Kellerscher Prägung, von Bennscher Sprachironie zu romantischen Winterreise-Klängen setzte Signale für weitere Irritationen.Tom Pohlmann (geb.1962 in Altenberg /Thüringen) wollte mitnichten auf der Klaviatur des Surrealismus spielen, wie der Moderator ankündigte.Auch er will "etwas knacken wie eine Nuß", "Bilder aufbrechen, um auf eine Ebene zu kommen, die vorher nicht da war".Handfest und mit "Bodenhaftung" spielt er inzwischen nicht mehr sein "Solo bei Volxmond" (Titel seines Buches 1996 im Hamburger Rospo Verlag).Hier lösten sich keine Gegenstände mehr auf, nichts zerfloß.Die "Bruchstücke eines Sommers" flogen den Leuten um die Ohren: Knöpfe, soziales Interieur und Reisekoffer.Soziale Befindlichkeiten geben auch den Hintergrund, aus dem die Gedichte Lutz Seilers kommen.Der Mitherausgeber und Redakteur der Zeitschrift "Moosbrand" überraschte mit intensiven Bildverknüpfungen, die so unter die Haut gingen, daß Michael Braun eine "Kindheitshölle" vermutete, was so nicht zutraf.Eher ein behutsames Aufheben von Sprachgebilden, die aus Zeiten der DDR-Repression kommen und mit diesem Staat verschwunden sind.Erst im heutigen Kontext wird die höllische Aura so mancher Internierungsworte erkennbar.Besonders die Gedichte aus dem noch ungedruckt bei DuMont liegenden Manuskript zeigten eine schöne, dunkle und beunruhigende Sprache, die sich freigespielt hat ins Offene, Mehrbödige, letztendlich nicht Auslotbare.Von einem Echo auf Vorgefundenes kann hier keine Rede mehr sein.Anders bei dem Goslarer Theologen Henning Ziebritzki, dessen erstes Buch "Randerscheinungen" soeben im S.Fischer Verlag erschienen ist.Der pure Kopfarbeiter sieht seine Verse als "Antworten auf ein Schreiben, das vor mir ist und das ich wahrnehme".Seine Verse simulieren Möglichkeiten und Metamorphosen, die aus Alltagserfahrungen kommen und auf Bewegungsrichtungen verweisen, die sich an den großen Worten Wahrheit, Schönheit und Klarheit messen lassen müssen.Von einem Kanon oder einheitlichen Trend in der neuen Lyrik kann keine Rede sein.Die Stimmen sind diffizil und harren der Entdeckung.

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