Kultur : Mondbilder und Alltagsklänge Was Berlins Sammler diese Woche zeigen

von
Pop-Puppe. „Astroboy“ aus der Sammlung von Selim Varol. Foto: me collectors Room
Pop-Puppe. „Astroboy“ aus der Sammlung von Selim Varol. Foto: me collectors Room

Es ist ein faszinierender Resonanzraum über mehrere Etagen, der Klang, Umgebung und Besucher gleichermaßen reflektiert. Christian und Karen Boros haben ihren Hochbunker (ab 17. September, nach Voranmeldung) nach vier Jahren aus- und umgeräumt. 130 Neuerwerbungen werden einmal mehr zum Seh- und vor allem zum Hörerlebnis. Denn ein neuer Schwerpunkt sind Sound-Installationen von Cerith Wyn Evans und Klara Lidén. Oder Michael Sailstorfers klingende Alltagsfundstücke, wie der schleifende Autoreifen oder die Weide, deren Laub über den Boden rauscht. Mit Ai Weiweis monumentalem „Tree“, einem „Flying Garden“ von Tomás Saraceno oder Entdeckungen wie Manon Awst und Benjamin Walther dürfte dieser Relaunch zum Glanzlicht der Berlin Art Week werden.

Wer unterdessen Promis in der Paris Bar bestaunen will, wird stutzen. Braun patinierte Wände, wo sonst Werke von Baselitz, Polke und Daniel Richter die Sinne fluten. Nein, die West-Berliner Kultstätte ist nicht in Finanznöten, wie 2009, als Martin Kippenbergers „Paris Bar“ bei Christie’s versteigert wurde. Axel Haubrok – eigentlich auf nüchterne Konzept-Kunst abonniert – hat Michel Würthle eingeladen, die wilde Mischung samt eigener Kunst als „normale Ausstellung“ bei haubrokshows zu zeigen. Das anarchische Flair entsteht im White Cube (bis 20. Oktober) zwar kaum. Aber „Rochade / Charade“ erlaubt das Schwelgen in der jüngeren Kunstgeschichte. Und Kippenbergers Laterne steht immer noch schräg wie eh und je auf der Terrasse.

Mickey-Mouse-Augen auf den Brüsten einer Marilyn-Büste, ein Figurenarsenal aus Disneyland und Hollywood, das als Plastik-Arche-Noah durch den me Collectors Room schippert (bis 14. Oktober, Dienstag bis Sonntag, 12-18 Uhr): Thomas Olbricht, Sammler mit Hang zum Skurrilen, hat sich museal noch wenig Etabliertes ins Haus geholt. Seit seinem sechsten Lebensjahr sammelt Selim Varol Spielzeug. Für einen Sechsjährigen nichts Besonderes. Doch der Unternehmer aus Düsseldorf hat weitergesammelt – bislang rund 15 000 Exponate. Die werden zwar nicht alle präsentiert, aber mit 3000 Art- und Designer-Toys, mit Fotos, Drucken und Leinwänden ist „Art & Toys“ überreich bestückt. Die Künstler heißen KAWS, JR oder Ryca und entstammen überwiegend der Street- und Urban-Art oder dem sogenannten Pop-Surrealismus, der Hyper-Kitsch mit künstlerischen Brüchen verbindet. Star-Wars-Nippes von Daniel & Geo Fuchs oder die krude ornamentale Malerei der Street-Art-Größe Phil Frost sind hier durchsetzt mit Kunststars wie Banksy oder Takashi Murakami. Doch all das wirkt schlicht vom Spieltrieb aus gedacht.

Das Kontrastprogramm ist bei Arthur de Ganay zu sehen. Der Franzose mit Wohnsitz in Berlin hat seine Kollektion in der ehemaligen Kreuzberger Marmeladenfabrik umgestaltet (ab 15. September, nach Vereinbarung). Aus den Beständen bleiben Klassiker wie Hiroshi Sugimoto oder Candida Höfer, die in einen Dialog mit den Neuerwerbungen treten. Highlights sind zwei Fotografien aus Thomas Ruffs „m.a.r.s.“-Serie, die aus künstlerisch bearbeiteten Satellitenbildern besteht. Aber auch jüngere Fotokünstler kommen durchaus zum Zug. Arbeiten von Sarah Schönfeld, Laurenz Berges oder Götz Diergarten rund um „Verlassene Orte“ stehen für den passionierten Fotografiesammler de Ganay für eine „moderne Art der Melancholie“.Michaela Nolte

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben