Kultur : Mondsüchtig

„Frau Luna“ im Theater am Kurfürstendamm

Uwe Friedrich

Immer wieder erstaunlich, die „Berliner Luft“. Begeistert wird geklatscht, gejohlt und gepfiffen, auch wenn man inzwischen lange nach dem Duft von Eisbein und Kümmel suchen muss. Im Theater macht sich die Hymne der Berufsberliner rar, seit das Metropol geschlossen wurde, und den Opernhäusern gilt die Berliner Spielart der Operette als zu piefig. Sicherheitshalber wurde das Original von 1899 nun auch am Theater am Kurfürstendamm bearbeitet. Jürgen Wölffer konstruiert eine umständliche Rahmenhandlung: Im Jahr 1930 treffen sich die Comedian Harmonists, um Erichs Junggesellenabschied zu begießen. Der lässt sich derart voll laufen, dass seine Marie ihm den Laufpass gibt. Weil die Truppe sich zwar schon einen Namen gemacht hat, der kommerzielle Erfolg aber noch auf sich warten lässt, kommt die Idee auf, Paul Linckes Operette „Frau Luna“ in einer neuen Version zu spielen. Das gestaltet sich natürlich nicht einfach, weil einige Sänger Operette unter ihrer Würde finden. Im Zeitraffer geht es durch die verschiedenen Probenstadien, schließlich gelangen die Comedian Harmonists auf den Mond. Pause.

Danach treten die fünf im Frack auf. Plötzlich sind sie von der Fron des Berlinerns befreit und singen ganz famos. Sie tanzen auch sehr passabel, und zwar nach den Anordnungen der unerbittlichen Mondgöttin. Ohnehin gehört dieser zweite Teil Bettina Meske im Glitzerkleid mit Silbermond. Lincke liegt ihr offenbar in den Genen, schließlich hatte ihr Urgroßvater einst in dessen Orchester gespielt. Sie berlinert mit umwerfendem Charme, rutscht nie ins „Icke-Dette“-Klischee und macht die Längen des Abends sofort vergessen. Ihr Publikum hat sie schon in der Hand, wenn sie nur „Das sind der Frauen Waffen“ angeraut als Count-Basie-Nummer singt. Überhaupt sind die Neuarragements der eigentliche Hit des Abends, Handlung und Rahmenhandlung nur Vorwand für eine Parade Alt-Berliner Hits. Arrangeur Peter Schirmann behandelt die Melodien wie Jazzstandards und hätte sie gerne noch beherzter drehen und wenden dürfen. Die Jungs können nämlich wirklich singen und haben große komödiantische Gaben, vor allem Olaf Drauschke hat als Fritze Steppke leichtes Spiel. Im Theater am Kurfürstendamm kommen sie ohne Verstärkung aus und können sich auf den direkten Charme ihrer Stimmen verlassen. Das praktikable Bühnenbild von Hans Winkler schafft Atmosphäre und lässt Platz zum Tanzen, Gerhard Kropps Kostüme bieten Zeitkolorit. Es dauert zwar, bis die Rakete zündet, aber dann kommen Nostalgiker auf ihre Kosten. Und dann ist das eigentlich Erstaunliche, dass die Berliner Operette nicht viel öfter gespielt wird.

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