Kultur : Monet is Money

JÖRG VON UTHMANN

Die BBC spricht kurz und bündig von der "Ausstellung des 20.Jahrhunderts".In Boston pilgerten bereits 550 000 Besucher in das Museum of Fine Arts, um sie zu sehen.In London erwartet man einen weiteren Publikumsrekord.Trotz hoher Eintrittspreise gingen 183 000 Karten schon im Vorverkauf weg.Im Hof der Royal Academy, die sogar 24stündige Öffnungszeiten in Erwägung zieht, wurde ein Zelt mit zusätzlichen Kassen, Souvenirständen und Toiletten aufgestellt, um des Andrangs Herr zu werden.Wer ohne Ticket aufkreuzt, muß mit stundenlangen Wartezeiten rechnen.

Die Ausstellung, der dieser Ansturm gilt, schließt sich an eine andere an, die vor neun Jahren die Bostoner und Londoner in Ekstase versetzte.Damals ging es um die Serien, die Claude Monet im letzten Jahrzehnt des 19.Jahrhunderts malte - die Pappeln, die Kornhaufen, das Tal der Creuse und die Kathedrale von Rouen."Eine Landschaft als solche gibt es für mich nicht", beschied er einen Kunstfreund, der sich nach dem tieferen Sinn der Kornhaufen erkundigte, "denn ihr Aussehen wechselt von einem Augenblick zum anderen.Sie lebt durch ihre Umgebung, die Luft und das Licht, und die verändern sich ständig." Seine Abneigung gegenüber Ideallandschaften und sein Bekenntnis zur flüchtigen Momentaufnahme hat Monet nie deutlicher gemacht als in seinen Serien, in denen der abgebildete Gegenstand nur das Mannequin ist, das die Veränderungen von Licht und Luft vorführt.

Die neue Schau gilt dem Spätwerk.Auch in den letzten drei Jahrzehnten seines Lebens blieb Monet den Serien treu.Jetzt waren es London, Venedig und sein Garten in Giverny, die ihn zu immer neuen Varianten inspirierten.Achtzig Gemälde, zum Teil sehr große Formate, haben die Organisatoren zusammengetragen, darunter viele unbekannte Werke aus abgelegenen Museen und Privatbesitz.Bis in die fünfziger Jahre hinein hatte Monets Spätwerk keinen besonders guten Ruf.Man bewunderte die dunkel glühenden Visionen des Londoner Parlaments und der Themesebrücken (1899-1904) und die erste, fast rokokohaft heitere Serie der Seerosen (1903-1909).

Aber schon die Erinnerungen an Venedig (1908-1912) empfand Monet selbst als konventionell und schwach.Für die Riesenformate, die ihn nach 1914 beschäftigten, wieder Seerosen und andere Ansichten aus Giverny, konnten sich nur wenige erwärmen.Die meisten blieben unverkauft im Atelier.22 seiner "Grandes Décorations" schenkte er dem französischen Staat, der sie in der Orangerie im Tuilerien-Garten unterbrachte.Doch bei der Installation ein Jahr nach Monets Tod gab es neben respektvollen Festreden auch boshafte Zungen, die herablassend von "Tapeten" sprachen.In der Kunst war nicht nur eine andere Epoche angebrochen.Auch Monets Arbeitsfähigkeit hatte schwer gelitten: In den zwanziger Jahren war er nahezu blind.

Der Sinneswandel begann in den Vereinigten Staaten.Mitte der fünfziger Jahre stießen amerikanische Kunstkritiker bei der Suche nach einem Ahnherrn ihres hausgemachten abstrakten Expressionismus auf das Spätwerk Monets.Zwar hatte Jackson Pollock die "Grandes Décorations" nie gesehen.Doch ließ er es sich gern gefallen, als Nachfahre des großen Franzosen gefeiert zu werden.Der explodierende Kunstmarkt tat ein übriges: Da die Meisterwerke aus dem 19.Jahrhundert längst in Museen hingen, stürzten sich die Sammler auf den unverkauften Nachlaß.Daß dabei auch offenkundig unvollendete und mißlungene Arbeiten auch in den Handel kamen, wurde im Eifer des Gefechts übersehen.Giverny entwickelte sich zu einer Andachtsstätte, ohne deren Besuch keine Europareise vollständig war: Die Hälfte der etwa 500 000 Besucher, die Jahr für Jahr über die japanische Brücke zum Seerosenteich wallfahrten, sind Amerikaner.

In der Royal Academy spielt man mit offenen Karten.Unvollendete Werke werden als solche gekennzeichnet; auch die Verkaufsdaten sind angegeben.Die grellen Töne einiger Gartenbilder, lesen wir auf einer Wandtafel, dürften mit Monets Erblindung zu tun haben und der Veränderung des Farbempfindens, über die er nach seiner Staroperation klagte.Eine andere Tafel empfiehlt, das Spätwerk als Experiment anzusehen."Doch Augen des ausgehenden 20.Jahrhunderts dürften die malerischen Qualitäten zu würdigen wissen." Mit anderen Worten: Der Besucher soll sich also sein eigenes Urteil bilden.

Nicht ganz so unparteiisch ist der Katalog.Schon vor neun Jahren hatte der Kurator, Paul H.Tucker, den untauglichen Versuch unternommen, Monet zum politischen Maler zu stempeln.Die Landschaften und Kathedralen, hieß es damals, seien als Antwort eines Patrioten auf den verlorenen Krieg gegen Preußen zu verstehen.Jetzt macht Professor Tucker viel Wesens von Monets Wunsch, dem französischen Volk zum Sieg von 1918 zwei Bilder zu schenken.Daß bei diesem Wunsch vielleicht weniger Patriotismus als listiges Eigeninteresse Pate stand, scheint ihm nicht in den Sinn zu kommen: Die Hoffnung, der Staat werde sich der Verwaltung seines Nachruhms annehmen, verwandelte schon so manchen Pfennigfuchser in einen Mäzen.Bei den Zeitgenossen galten die Impressionisten jedenfalls als politische Eskapisten: Während ihre Kollegen, die Salonmaler, die heilige Johanna, Jena und Austerlitz beschworen, malten sie Mohnblumen und Segelboote.Vor dem Krieg 1870/71 floh Monet nach London.Den Kriegsausbruch von 1914 kommentierte er mit einer neuen Serie von Seerosen.

Royal Academy of Arts, London, bis 18.April.Eintritt 9 Pfund, Katalog 19.95 Pfund.Kartenvorverkauf mit Kreditkarte über Ticketmaster, Auskunft: Telelefon 00-44-171-413 1717.

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