Kultur : Monica Lewinskys Tränen flossen nur in Amerika

BERND MATTHIES

Ja doch.Sie ist eine sympathische junge Frau, ein All American Girl mit großen Augen, die sie manchmal übertrieben weit aufreißt, mit einem strahlenden Gebiß, das sie gern nach Filmstar-Art bleckt, mit merklicher Nervosität, die sie professionell kontrolliert und dosiert.Ja doch: Sie war keine Intrigantin, sondern eine ebenso naive wie intelligente junge Frau mit Spaß am Sex, als sie damals Bill Clinton begegnete, dem Präsidenten, der von seinen Hormonen gelenkt wird wie eine Rakete vom Laserzielkopf.Ja doch: Es war Kenneth Starr, der fanatische Strafverfolger, der das Techtelmechtel im Weißen Haus zu einer Staatskrise aufbauschte.

Wir wissen alles über Monica Lewinsky.Das Gesetz der medialen Verwertung um jeden Preis erfordert freilich, daß das Breittreten des Themas immer erst dann richtig anhebt, wenn die Sache selbst vorüber ist.Die Bild-Zeitung beispielsweise: Monatelang hat sie Deutschland mit allen nur erdenklichen Details aus dem Leben und Liebesleben der Ex-Praktikantin geflutet - und teilt uns dann knapp mit: "Vergessen Sie alles, was Sie bisher von Monica Lewinsky (25) gehört haben." Ein Rat, den man gern beherzigen würde, folgte nicht unmittelbar im Anschluß ein riesiges Interview, das all das bestätigt, was wir bisher über Monica Lewinsky gehört haben.Oder RTL: "Als bisher einzige Deutsche durfte Birgit Schrowange ..." Was durfte Birgit Schrowange wirklich? Das vermeintlich von ihr geführte Interview, am Donnerstag abend über fast zwei Stunden lang ausgestrahlt, bestand aus ein paar Minuten Schrowange-Small-Talk und dem eigentlichen Gespräch zwischen Monica Lewinsky und dem britischen Journalisten Jon Snow.Und, noch dümmer: Der richtige Stoff, aufgeladen mit Tränen und großen Gefühlen und all den anderen Dingen, gesendet in Amerika mit Barbara Walters auf ABC, war in Deutschland überhaupt nicht zu sehen.Offenbar ist es so, daß die echten Enthüllungen - will man sie denn so nennen - strategisch eingesetzt werden, um vor allem die US-Einschaltquoten hochzutreiben.Das teure RTL-Interview erwies sich also gleich als zweifache Mogelpackung.

Was ist hier überhaupt los? Wenn uns das TV-Gespräch noch einmal eins ganz deutlich vor Augen geführt hat, dann war es die alle bürgerlichen Konventionen ignorierende Schamlosigkeit, mit der die Sonderermittler auf ihr Ziel, die Demontage des Präsidenten, losgingen.Der Druck auf Monica Lewinsky begann mit der Androhung, man werde ihr 27 Jahre Gefängnis besorgen - und steigerte sich dann allmählich bis zur weltweiten Veröffentlichung intimster Details.Ja, das kann einen Menschen auf Suizidgedanken bringen, und es wäre tatsächlich keine Überraschung gewesen, hätte sie diesen Ausweg gewählt.Doch was bringt sie jetzt dazu, von sich aus und ohne Druck Einzelheiten wie die ominöse Abtreibung preiszugeben, von der nicht einmal Starr wußte?

Aus Monica Lewinsky ist "Monica Inc." geworden, die Monica-GmbH.Anders ging es wohl nicht.Diese Gesellschaft muß einige Millionen Mark einspielen, um die gewaltigen Verfahrenskosten zu decken, und die Hauptperson muß nun all das, was die Ermittler ihr gegen ihren Willen entrissen und in die Öffentlichkeit gezerrt haben, noch einmal aus freien Stücken repetieren und zur besseren Verwertbarkeit mit neuen Informationen anreichern - eine ultimative Demütigung.Die Medien spielen buchstäblich um jeden Preis mit und lassen damit in Umrissen das Bild eines Sühnerituals sichtbar werden: Teure Buße für die Tatsache, daß sie Starr bei der Präsidenten-Hatz nur zu gern als dröhnender Resonanzboden zu Diensten waren.

Es gibt Indizien dafür, daß dieser Mechanismus nicht zeitlich unbegrenzt wirkt.Trotz des Werbegetöses erreichten die Einschaltquoten bei RTL am Donnerstag nicht mehr als Durchschnittsniveau.Das macht im ersten Anlauf nichts, weil die Werbekunden die Millionen so oder so überweisen; allerdings wäre es überraschend, ließe sich diese Schraube gegen den Überdruß der Zuschauer und Leser noch weiterdrehen.

Monica Lewinsky freilich hofft wohl vergebens, daß dann, danach, alles vorbei sein werde.Einen netten Mann möchte sie, eine hübsche Hochzeit und das eine oder andere Kind.Und immer, wenn sie einen dieser Träume realisiert, wird sie wieder belagert und begafft werden.Nicht von Kenneth Starr, aber von der Presse.Das ist nur unwesentlich angenehmer.

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