Monika Grütters zum Humboldt-Forum : „Wir müssen bereit sein umzudenken"

Ein Gespräch mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters über das neue Kulturgutschutzgesetz, Gurlitt und vor allem über die Veränderungen beim Humboldt-Forum im Schloss.

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Das ist kein Schönwetterjob. Seit Dezember 2013 ist Monika Grütters Kulturstaatsministerin im Kanzleramt. Die CDU-Politikerin hat davor viele Jahre auf Berliner Landesebene und im Deutschen Bundestag kulturpolitisch gearbeitet.
Das ist kein Schönwetterjob. Seit Dezember 2013 ist Monika Grütters Kulturstaatsministerin im Kanzleramt. Die CDU-Politikerin hat...Foto: dpa

Frau Grütters, es ist Halbzeit für Sie. Im ersten Jahr haben Sie viele Dinge bravourös angepackt, im zweiten Jahr scharfen Gegenwind bekommen, besonders bei der Novellierung des Kulturgutschutzgesetzes. Haben Sie den Kunsthandel unterschätzt?
Ich habe mir nie vorgestellt, dass Kulturpolitik sich im Geldausgeben erschöpft, dass ich nur ein Schönwetter-Amt innehätte. Bei Gesetzesvorhaben muss immer ein Interessensausgleich hergestellt werden. Dass sich dies aber im Fall des neuen Gesetzes zum Kulturgutschutz so schwierig gestalten würde, mit diesem teils aggressiven Unterton, das habe ich nicht erwartet. Kulturpolitik stößt Dinge an, die nicht jedem behagen, weil sie Veränderungen zur Folge haben. Die meisten Kritiker des Kulturgutschutzgesetzes wollen dies nicht. Das Geschäft der Kunsthändler beruht auf Diskretion. Künftig müssen die Händler für die Ausfuhr von Objekten in den EU-Binnenmarkt, zum Beispiel von Bildern, die älter als 70 Jahre sind und über 300 000 Euro kosten, eine Genehmigung einholen. Offensichtlich ist es vor allem diese Transparenz, die gefürchtet wird. Die meisten Anträge würden ja genehmigt, denn von Kirchner bis Kippenberger gibt es fast alles in unseren Museen, was wichtig ist, um uns unserer nationalen Identität zu vergewissern.

Auch bei der Standortfindung für das Museum der Moderne in Berlin gab es heftige Auseinandersetzungen. Das hätte man als Berliner Politikerin erwarten können.

Nachdem die Entscheidung für die Potsdamer Straße gefallen war, haben sich plötzlich die Befürworter der Sigismundstraße artikuliert. Sie wollten die uralte, fruchtlose Debatte um das Kulturforum noch einmal aufmachen. Der Standort Potsdamer Platz hat eine stärkere stadtplanerische Komponente als das viel kleinere andere Grundstück. Mancher Streit ist wichtig, selbst wenn das Ergebnis dann nicht allen passt. Korrekturen mögen ein Ausdruck von Souveränität sein, aber Kompromisse kann man nicht immer gelten lassen. Beim Museum der Moderne mussten wir uns eben entscheiden.

Wie ist der Stand beim angelaufenen Architektur-Wettbewerb?

440 Entwürfe sind bereits eingegangen. In der zweiten Februarwoche tagt die Jury. Damit ist ein städtebaulicher Wettbewerb erst mal vom Tisch und auch nicht erforderlich. Das Land Berlin hat immer vehement abgelehnt, das Kulturforum als Ganzes in Angriff zu nehmen, nicht zuletzt, weil es ihm an Geld fehlt. Das Projekt würde Hunderte von Millionen kosten, zugleich liegt der Flughafen Berlin-Brandenburg allen schwer im Magen. Jetzt nehmen wir die Potsdamer Straße in Angriff, die Grundstücke werden von Berlin kostenneutral übertragen und von der evangelischen Kirche gekauft. Für einen Privatbesitzer haben wir ein Tauschgrundstück gefunden.

Streit gab es auch um die vor Ihrer Zeit ins Leben gerufene Taskforce „Schwabinger Kunstfund“, die sich zum Jahresende auflöst. Das Ergebnis war unbefriedigend, da bis jetzt nur fünf Werke der Sammlung Gurlitt als Raubkunst zurückgegeben werden können. Haben Sie die Arbeit der Provenienzforscher falsch eingeschätzt, weil sie als politisches Instrument dienen sollte?

Wir haben die Taskforce mit Erwartungen wohl auch überfrachtet, weil der „Schwabinger Kunstfund“ ein Unikat und sehr komplex ist. Man sollte sich daher nicht nur an der numerischen Bilanz orientieren, wobei auch hier zu beachten ist, dass es nicht nur ein Ergebnis ist, wenn sich ein Verdacht erhärtet, sondern genauso, wenn er widerlegt wird. Das damals gefundene Modell hatte eine wichtige Funktion, denn die Zusammensetzung mit internationalen Experten war eine Botschaft: Seht her, Deutschland bearbeitet den Fall nicht hinter verschlossener Tür. Aber dieses so heterogen zusammengesetzte Gremium konnte nicht so reibungslos zusammenarbeiten, wie wir es erhofft hatten. Ich versuche deshalb, die reine Sacharbeit beim Deutschen Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg fortzusetzen, mit denselben Forschern. Die Aufarbeitung geht also weiter.

Warum ist bislang so wenig von der Arbeit der Taskforce nach außen gedrungen?

Hier gab es einen Dissens zwischen mir und den Wissenschaftlern. Ich wollte die Ergebnisse umfassend und fortlaufend ins Netz stellen, was die Experten ablehnten, da es international unterschiedliche wissenschaftliche Standards gibt, was im Detail veröffentlichungsfähig ist. Ich möchte aber, dass im Nachfolgeprojekt des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste diese Transparenz eingeführt wird.

Das klingt nach Ungeduld. Würden Sie dies als eine Ihrer hervorstechenden Charaktereigenschaften sehen – dass Sie eine ungeduldige Politikerin sind?

(lacht und holt eine Postkarte) Die hat mir ein Mitarbeiter geschickt mit der Aufschrift: „Oh Herr, gib mir Geduld – aber bitte schnell!“ Ich habe vom ersten Tag an im Amt das Gefühl gehabt, dass mir die Zeit davonläuft. Vier Jahre einer Legislaturperiode sind verdammt kurz, wenn man in der Exekutive Dinge anpacken will, mit denen man sich vorher schon jahrelang beschäftigt hat.

Hatte der Fall Gurlitt, also die Frage nach der Nazi-Raubkunst, für Sie auch Auswirkungen auf das Kulturgutschutzgesetz? War der erste Entwurf deshalb so scharf?

Die gegenwärtige Rechtslage ist in Wahrheit für viele ungünstiger als die jetzt mit der Novelle vorgeschlagene, zum Beispiel für die Museen und für Privatsammler. Unabhängig von Einzelfällen gilt: Nationale Identität erwächst zuallererst aus dem Kulturleben eines Landes, aus dem Erbe und der Avantgarde. Wegen unserer schwierigen jüngeren Geschichte mit zwei Diktaturen in einem Jahrhundert ist für mich die Erinnerungskultur so etwas wie der Basso continuo der Kulturpolitik. Der Totalitarismus hat uns gelehrt, wie wichtig die Freiheit der Kunst ist. Es ist kein Zufall, dass wir über Kirchner und Beckmann beim WDR streiten, mit deren Ankauf nach der Aktion „Entartete Kunst“ der Nazis ein Signal in der jungen Bundesrepublik gesetzt werden sollte. Ich habe auch bei den Warhols der landeseigenen Spiel-Casino-Gesellschaft in Aachen, die dann in die Auktion gingen, zwar nicht gesagt, dass sie national wertvoll sind, wohl aber, dass sie unter staatlichen Schutz, also in ein Museum gehören. Es lohnt sich, klarere Kriterien für „nationales Kulturgut“ zu formulieren.

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