Kultur : Monitor mit Nabelschnur

Rollenspiele: Candice Breitz in der Galerie Hetzler

Raimar Stange

Gleich sieben weibliche Filmstars präsentiert die Video- und Konzeptkünstlerin Candice Breitz in ihrer neuen Installation „Becoming“. Cameron Diaz, Drew Barrymore oder Julia Roberts sind in kurzen Filmausschnitten zu sehen, die sich auf sieben Monitoren wiederholen. Bei allen Szenen geht es um Probleme mit dem anderen Geschlecht. Auf der Rückseite der Monitore ist ein weiterer Bildschirm installiert, auf dem die Künstlerin selbst zu sehen ist, die in beeindruckender Perfektion die Rollen der oscarreifen Vorbilder nachspielt. Optisch wurden die in schwarz-weiß gedrehten Szenen vereinfacht: Candice Breitz trägt ein weißes Hemd und eine schwarze Hose. Wie mit einer Nabelschnur sind beide Monitore durch einen Kopfhörer verbunden, auf dem nur eine, nämlich die „echte“ Tonspur zu hören ist – Breitz synchronisiert präzise Julia Roberts Stimme aus dem Film „Pretty Women“ oder Meg Ryans Stimme aus „E-Mail für dich“. So wird das Prinzip der Karaoke, das Breitz schon in früheren Videoarbeiten thematisiert hat, gewissermaßen weiter gedreht: Die Künstlerin kopiert nicht mehr allein die Stimme, sondern auch den Körper der Stars.

Mit „Becoming“ (die Installation kostet 35 000 Euro; eins der Paare je 7000 Euro) umkreist Breitz einmal mehr das Problem subjektiver Identität angesichts einer medialen Durchdringung, die noch die intimsten Regungen der Menschen erreicht. Einfühlsame Identifikation als modellhafte Strategie einer paradoxerweise dennoch individuellen Identität – so lässt sich wohl Breitz Idee einer post- und popmodernen Persönlichkeitsentwicklung kurz zusammenfassen. Genau dieses Moment unterscheidet „Becoming“ dann auch von der verwandten Arbeit „Remake“ des französischen Künstlers Pierre Huyghe. Dieser ließ 1995 Alfred Hitchcocks Filmklassiker „Fenster zum Hof“ von Amateuren originalgetreu, aber recht dilettantisch nachspielen. Während Huyghe eher an den filmischen Konventionen des Genres „Thriller“ interessiert war, betont Candice Breitz durch ihr eigenes Auftreten in „Becoming“ Fragen nach dem Verhältnis von Selbstgefühltem und Nachempfunden, sowie das Problem der Konditionierung und „Echtheit“ von Körpersprache. Ihre Rollenspiele platziert sie nicht in nachgestellten Bühnenbildern, sondern im leeren weißen Raum. So gelingt es der Künstlerin, die Gleichschaltung von Alltag, Medienrealität und Kunst mit einfachsten Mitteln darzustellen. Wirkt doch ihr asketisch-banales „Filmset“ ebenso streng auratisch wie der White Cube einer modernen Galerie.

Galerie Max Hetzler, Holzmarktstraße 15–18, bis 18. Oktober; Dienstag bis Sonnabend 11–18 Uhr.

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