Kultur : Monster Magnet: Gott fährt Harley

Heiko Zwirner

Als die Menschen in finsteren Höhlen lebten und die Felle, die sie an ihren behaarten Leibern trugen, noch nicht zu gerben wussten, versammelten sie sich, um die Mysterien des Werdens und Vergehens zu zelebrieren. Darüber vergaßen sie die Sorgen ihres Jäger- und Sammlerdaseins. Sie berauschten sich an psychoaktiven Pflanzen, die sie in den Wäldern fanden, stießen grunzende Laute aus und schlugen mit ihren Keulen rhythmisch auf die Steine. So hielten sie die bösen Geister fern und lockten die guten. Dann paarten sie sich im Mondschein.

Ein paar Eiszeiten später wurden der Handel, der Staat und das Fernsehen erfunden. Manche Menschen sehnen sich jedoch noch heute in jenen Zustand zurück, der ihnen unbelastet von Sitten und Anstand ihren Primärinstinkten nachzugehen erlaubt. Statt Faustkeilen und Fliegenpilzen gibt es für sie Motorräder, Dosenbier, Gitarren, Lederhosen und Marshall-Verstärker. Und es gibt David Wyndorf. Wyndorf ist der Sänger und Kopf von Monster Magnet, eine Mischung aus visionärem Schamanen und verpeiltem Scharlatan, ein charismatischer Höllenhund mit einem Bart wie Dschingis Khan und einer Stimme wie Frank Zappa im Endstadium einer Urschreitherapie. Wenn das Licht im Saal ausgeht und Wyndorf auf die Bühne kommt, tritt er in einen Dialog mit dem fiesen, buckligen Höhlenmenschen, der in ihm steckt. Und das Interessante: Der Höhlenmensch hat meistens recht.

Wyndorf gründete Monster Magnet Ende der achtziger Jahre im US-Bundesstaat New Jersey, dem familien- und autofreundlichen Einzugsgebiet von New York, dem mit Bruce Springsteen und Jon Bon Jovi zwei der erfolgreichsten Konsensrocker entstammen. Wyndorf interessierte sich jedoch stets mehr für halluzinogene und sonstige Drogen als für einen gesellschaftlichen Konsens. Regelmäßig pumpten er und seine Truppe sich mit allem voll, was der Dealer so auftreiben konnte. Das Ergebnis waren ausufernde und mit Halleffekten beladene Psychedelik-Epen, die vom Rückenmark Gottes und von gehörnten Dämonen handelten und in der Tradition von Acid-Rockbands wie Blue Cheer, Grand Funk Railroad und Hawkwind standen. Bei ihren Shows übersetzte ein Beleuchter diese selbstvergessenen Epen in Schwindel erregende Bildwelten. Das war beeindruckend und brachte seiner Band einen Vertrag bei einer Entertainment-Konzern ein, aber leider nicht den erhofften kommerziellen Erfolg. Nach enttäuschenden Verkäufen und diversen Entziehungskuren wurden Wyndorfs Songs kürzer, geradliniger und videotauglicher. Das vorletzte Album "Powertrip" markierte den Übergang zu kompakten Vierminuten-Trips und wurde ein Hit.

Gleichzeitig haben sich die Auftritte von Monster Magnet vom selbstzerstörerischen Exzess in ein clever inszeniertes Spektakel verwandelt, das Klischees der Rockmusik aufgreift, zur monumentalen Geste macht und zugleich ironisch bricht. "Monster Magnet operiert auf mehreren Ebenen", sagt Wyndorf. "Ich war schon immer ein großer Fan von Stereotypen. Leute, die bemerken, dass ich mit Rockklischees herumspiele, können Monster Magnet mit Humor genießen. Leute, die einfach nur rocken wollen, werden von uns auch bedient. Denn wir glauben an das, was wir tun und sind selbst Stereotypen. Monster Magnet ist für Leute, die mit Bildern bombardiert und weggetragen werden wollen. Ich liebe all das."

Konkret sieht das so aus: Auf zwei Podesten links und rechts von der Bühne schwingen leicht bekleidete Damen die Peitsche, aus Wyndorfs Gitarre sprühen Funken, und auf einer Großbildleinwand wirbeln Dollarscheine durch ein Meer aus Flammen. Die Show wird zu einem rituellen Großereignis, das konsequent das ureigene Versprechen der Rockmusik einlöst: Für eineinhalb Stunden darf man sich der Zumutungen der Zivilisation entledigt fühlen und den inneren Urmenschen wohlig grunzen lassen.

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