Kultur : Monsterchen der Zukunft

Stadt, Land, Kunst: Isa Melsheimer bei Barbara Wien

Thea Herold

Die guten Aussichten hat sie gefährlich verbaut. Man muss sich schon bücken, sonst lässt sich dieser neue Melsheimer-Raum mit seinen engen Wänden und der arg niedrigen Decke gar nicht betreten. Drinnen geht man schon fast wie von allein auf die Knie. Denn wo man ein Fenster erwartet, hat sie eine Glaswand hochgezogen. Nicht zum Hindurchsehen, aber leuchtend und durchscheinend. Mit etwas Abstand betrachtet, wirkt das schimmernde Blau des Glases verführerisch schön. Doch aus der Nähe sieht man die scharfen Splitter und bleibt auf Distanz. Das ganze Konstrukt (9000 Euro plus Produktionskosten) besteht aus konzentriert gestapelten Glasscherben. Hunderte müssen es sein oder Tausende, ebenso kompakt wie fragil.

In der Ecke des Raums befinden sich drei altmodisch grünliche Rosshaarmatratzen aus den Wirtschaftswunderjahren. Isa Melsheimer hat an die Seite der Bettenunterlage eine springende Frau hineingestickt. Wer fängt sie wohl auf? Wie schläft es sich auf den gestapelten blanken Matratzen? Und wie lange behält man überhaupt die Ruhe in leeren, klaustrophobisch niedrigen Räumen?

Es ist eine sehr dichte Ausstellung der Berliner Künstlerin, die vor gut zehn Jahren mal als Schülerin von Baselitz begann. Bei ihm hat sie jene biestige Lust an den Umkehrungen entdeckt. Doch dass Studenten ihre Lehrer überholen, ist ein Naturgesetz. Sie stellt nicht ihre Figuren, sie stellt ihre ganze Welt auf den Kopf. Sie kehrt das Innen nach Außen. Streut ihre Fragen listig zwischen die Zeilen – aber konstruiert ganz kompakt und klar eine Zwischendecke. Halbmannhoch.

Und dann noch der Titel für ihre aktuelle Ortsbeschreibung: „Das Queens Hotel heißt jetzt Best Western“. Krach. Peng. Banales trifft manchmal den Kopf wie ein Schuss. Aber genaues Hinsehen ist zu empfehlen: Denn Isa Melsheimer modelliert ihre Installationen und „Behausungen“ seit jeher so spielerisch im Grenzbereich zwischen Kunst und Stadtplanung, dass man fast gar nicht merkt, dass sie wirklich viel davon versteht. Urbaner Raum hat seine Guerilla-Strukturen. Und so beschwören ihre surrealen Gouachen (je 2000 Euro) nicht nur die guten und bösen Engel der Geschichte, die in den alten Mauern wohnen. Sie macht auch schon den Monsterchen der Zukunft Beine.

Galerie Barbara Wien, Linienstraße 158, bis 23. Dezember, Dienstag bis Freitag 14 – 19 Uhr, Sonnabend 12 – 18 Uhr.

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