Kultur : Monstermänner, Monsterfrauen

Frank Noack

besichtigt die mörderischen Seiten des Kinos Bruno Ganz war nicht der erste Hitler-Darsteller – für die Berliner Kinos wäre das eine gute Gelegenheit gewesen, auf jene wagemutigen Akteure hinzuweisen, die in die Rolle des Jahrhundertverbrechers geschlüpft sind. Zumal dabei hätte sichtbar werden können, dass der viel beschworene Tabubruch des „Untergangs“ gar keiner war. Eine minuziöse Rekonstruktion der letzten Tage im Führerbunker hat bereits G.W. Pabst mit seinem Film Der letzte Akt (1954) unternommen. Der aus dem Exil zurückgekehrte Erich Maria Remarque half beim Drehbuch und legte einigen kultivierten Nazis dekadente Sprüche in den Mund. Schon damals wurde Traudl Junge als Zeitzeugin um Rat gebeten. Der Burgschauspieler Albin Skoda meisterte die undankbare Aufgabe, einer realen Karikatur menschliche Züge verleihen zu müssen (heute und morgen im Zeughaus-Kino).

Und heutzutage? Da sind selbst einfache Verbrecher so stark in den Medien präsent, dass bei einer Verfilmung ihres Lebens höllisch aufgepasst werden muss. Das Publikum erwartet eine exakte Kopie jener Figur, die es aus dem Fernsehen kennt. Die wegen mehrfachen Mordes zum Tode verurteilte und hingerichtete Aileen Wuornos war solch ein Original. Joan Churchill und Nick Broomfield haben die Dokumentation Aileen Wuornos – Life and Death of a Serial Killer gedreht, anhand derer Charlize Theron ihre oscar- gekrönte Interpretation einstudieren konnte. Bei allem Respekt vor dem Hollywood-Star: Das Original geht mehr unter die Haut. Weil es echt ist. Nicht bloß Reality-TV-mäßig echt. Als sie gefilmt wurde, ahnte Aileen Wuornos bereits, dass die Giftspritze auf sie wartete (am Mittwoch im fsk).

Die Männermörderin Wuornos lebte in einer lesbischen Beziehung. Roberto Rossellini hätte das gefallen. Als er in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges Rom, offene Stadt drehte, war ihm die trist-brutale Realität nicht wirksam genug. Er erfand die Figur der lesbischen Gestapofrau Ingrid, die naive Italienerinnen mit Drogen und Pelzmänteln gefügig macht, um Widerstandskämpfer aufzuspüren. Sie streichelt ihre Gespielin, während nebenan ein gefolterter Antifaschist schreit – eine der groben Kolportage-Zutaten in einem nach wie vor packenden, kraftvollen Werk (am Sonnabend und Sonntag im Zeughaus-Kino).

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