Kultur : Montag links oben: Gespräch mit Mr. Maple

Woher nimmt er diese Gelassenheit? Er sitzt seit Stunden vor seinem Bildschirm und arbeitet. Er hat keine Bedürfnisse dabei. Er schaltet einfach seinen Computer an und schreibt los. Dafür braucht er nichts als Entschluss. Ich muss erst literweise Tee bereiten, den Schreibtisch auf Bußgeldbescheide absuchen, meinen Hund auf dem Sessel schlafen hören. Mir geht es mit dem Schreiben wie jenem 85-jährigen New Yorker Galeristen, von dem mir ein Freund berichtete, er habe erzählt, mit dem Sex klappe es noch ganz gut, nur müsse der Ablauf stimmen.

Jetzt geht er in die Küche. Er hat dort einen Aktenordner liegengelassen. Donnerwetter, er spricht: "Hast du dem Hund sein Futter mit der Schöpfkelle gegeben? Wir haben doch einen Hundefutterlöffel." - "Das tue ich dem Hund nicht an, dass er mit einem Extra-Löffel gefüttert wird. Dann fühlt er sich bei uns nicht mehr wohl." - "Gut, dann machen wir ein Besteckfach für deine und des Hundes Löffel und eins für meine". Er lächelt. Einverstanden mit seiner Idee.

Ich besuche ihn an seinem Schreibtisch: "Ja, brauchst du denn gar nichts? Ein Käsebrot vielleicht? Eine Apfelsaftschorle?" Er reicht mir einen Ausdruck. Darin ist von Marketing die Rede, von Kompetenzakzeptanz und Interessensstrategien und von einer Location. Ich erkläre ihm, dass ich diese Sprache nicht verstehe. Er sagt, macht nichts, wenn denn die Vorgänge verständlich sind. "Denke ja." - "Gut, danke, das wars schon." - "Was ist eigentlich eine Location? Sowas wie ein Lokal?" "Das ist sicher das schönere Wort dafür." Wir sprechen über einen polnischen Freund, der Marion Gräfin Dönhoffs fünftägigen Ritt durch Masuren 1941 mit Touristen nachvollzieht. Es gibt noch zu wenig Buchungen. Er schlägt vor, den Preis für den Ritt zu verdoppeln. "Für den doppelten Preis", sage ich, "können die Leute auch auf den Spuren der Apachen durch Arizona reiten, und das 14 Tage lang." - "Unwichtig, in Masuren ist es ebenso schön, das muss man den Leuten klarmachen." - "Warst du mal in Polen?" - "Nein, und ich muss da auch nicht hin." - "Ich war mindestens zehnmal dort. Es geht doch im Leben nicht bloß um Werbestrategien, sondern auch um Wirklichkeiten!" - "Wirklichkeit ist eine Erweckung von Interesse." Wir schweigen ein paar Minuten, er wendet sich wieder dem Bildschirm zu. "Ich stelle mir ein glückliches Zusammenleben anders vor", sage ich. "Darfst du doch", sagt er gelassen. Dann geht jeder an seine Arbeit zurück. Ich höre ihn telefonieren. Er lacht. Etwas scheint ihn zu amüsieren. Er hat keine schlechte Laune. Wenn er mit anderen spricht.

Das Miteinander hat seine Gezeiten. Manchmal zieht es sich zurück, und man kann es nicht verhindern. Ich versuche es dennoch immer wieder. Nach einer Weile komme ich mir vor wie ein Wattwürmchen, das die einsetzende Ebbe durch Höherbauen seines Sandkringels aufhalten will. Man muss es ertragen, später kommt wieder die Flut und macht das Schlimme flach, damit es von vorn losgehen kann. Noch sind mir diese Gezeiten ein Rätsel. Ich weiß nicht, wer sie verantwortet. Unsere schreckliche Empfindlichkeit? Unsere Hormone? Bin ich ihm auch ein Rätsel wie er mir?

In vielen Jahren werde ich so gelassen sein wie er. Wir werden sieben Zimmer bewohnen. Ich werde ihn im anderen Flügel der Wohnung durchs Fenster sehen können, das Gesicht vom Bildschirm bläulich beleuchtet. Wir werden manchmal schweigen, manchmal sprechen, im Einklang miteinander. Das ist das Ziel.

In John Updikes Eheroman "Der weite Weg zu zweit" lassen sich die Maples am Ende scheiden, ohne recht zu wissen, weshalb. Zuwenig glücklich miteinander, stellen sie fest. Mr. Maple sagt: "Wir spüren alles, was in uns vorgeht, jede kleinste Regung, ob wirklich vorhanden oder nicht; es ist anstrengend." Ich unterhalte mich mit Mr. Maple. "Ihr seid zu jung zusammengekommen, ihr ward einfach noch nicht ausgebildet. Glück ist eine gute Mutter und Unglück ein guter Lehrmeister. Ihr habt immer an der Mutterbrust genuckelt." Ich will keine Scheidung, ich bin schon zu oft geschieden. Ich will mich bemühen, den Einklang zu erreichen. "Darfst du doch", sagt Mr. Maple.

Nachts wache ich auf, esse drei Nektarinen, lege mich wieder hin, sehe ihn, der Schlaf hat ihm einen lustigen Seitenscheitel beschert. Im Traum heckt er vielleicht was aus. Und ich werde morgen wieder länger schlafen wollen. Er wird es sein, der früh mit dem Hund geht.

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