Kultur : Montag links oben: Im Reich der Mitte

Nächste Woche: Else Buschheuer.

Es war einmal das kleine Reich Kastanien, das lag zwischen Ost und West genau in der Mitte. Dort regierte seit vielen Jahren der König Eberhard. Der war ein populärer Bär, den die Kastanier liebevoll "Bärhard" nannten, auch wenn er im Lauf der vielen Regierungsjahre ein paar sonderliche Gewohnheiten angenommen hatte. So ging König Eberhard jeden Nachmittag in den Zoo, um der Pandadame, die er von einer Reise ins große Reich der Mitte mitgebracht hatte, beim Nachmittagsschlaf zuzuschauen. Auch verziehen die Kastanier ihrem Bärhard seine lockere Sprechweise. "Ich glaub, mich tritt ein Pferd", sagte König Eberhard etwa dann, wenn sich seine Gemahlin über etwas beklagte und er keine Lust hatte, darüber zu diskutieren. Lange Zeit hatte Eberhard nämlich allein regiert, aber irgendwann war es geschehen, dass die Kastanier ihn doch nicht mehr als alleinigen Herrscher haben wollten. Um keinen unnötigen Unmut wachsen zu lassen, hatte sich Eberhard also eine Königin gesucht, die Kastanien fürderhin Hand in Hand mit ihm regieren sollte.

Eines Morgens nun traf Eberhard seine Gemahlin im großen Frühstückssaal des Schlosses und sie kam ihm gar sehr verändert vor. "Verzeih, teuerste Gemahlin", sprach er, "so anders erscheinst du mir heute, dass mir ganz entfallen ist dein Name. Willst du mir nicht auf die Sprünge helfen?""Klaus heiße ich, teuerster Gemahl", antwortete die Königin und lächelte listig.

Verwirrt erhob sich König Eberhard, um seinen Freund, den Luchs, aufzusuchen, mit dem er sich in allen schwierigen Situationen beriet. "Klaus", sprach der König - denn das war der Name des Luchses - "Die Königin behauptet, auch Klaus zu heißen und dünkt mich, ein Zobel zu sein, wo ich doch hätte schwören können, dass sie nicht Klaus heißt und ein Erdferkel ist."

"Gering scheint mir diese Kümmernis", erwiderte der Luchs, denn als Verwalter des Kastanischen Reichschatzes plagten ihn andere Sorgen. "Sonderbarer ist, was ich dir zu berichten habe. Entsinnst du dich noch der beiden Vetter aus Geranien? Jene, welche uns den großen Sack Gold gaben, damit wir ihnen zehn Goldsäcke aus den Kastanischen Schatzkammern geben, die sie binnen Jahresfrist dreifach zurückzahlen wollten?" König Eberhard nickte abwesend, die Sache mit Klaus und Klaus erschien ihm weit begrübelnswerter. "Die Jahresfrist ist nun verstrichen, aber jene können das Gold nicht aufbringen", fuhr Klaus fort. "Was sollen wir tun? Kastanien ist bankrott."

"Was redest du da", brummte Eberhard. "Kastanien ist ein Reich, und ein Reich ist niemals bankrott." Voll Unruhe begann Klaus, auf und ab zu laufen. Zwar waren die Kastanier ein braves Volk, aber wie würden sie die Geschichte mit den Goldsäcken aufnehmen? Schließlich hatten sie ihnen immer erzählt, dass solche Goldsackgeschichten nur bei den Affen und den Zebras vorkämen. Was würde geschehen, wenn sie dem Volk verkündeten: keine Schwimmbäder mehr für die kleinen Enten, keine Baumschulen mehr für die kleinen Marder?

Kaum hatte er dies gedacht, da ertönte draußen ein gewaltiger Lärm. Klaus, der Luchs, und König Eberhard eilten zum Fenster. Tausende von Kastaniern hatten sich auf dem Schlossplatz versammelt. "Wo ist unser Gold? , rief die aufgebrachte Menge. Klaus und Eberhard blickten sich an, und bevor Eberhard den Mund öffnen konnte, hatte Klaus ihn schon an der Tatze gepackt und zum geheimen Tunnel gezerrt, der direkt nach Geranien führte. Doch die Kastanier ergriffen die Flüchtenden und noch in derselben Nacht hängten sie unter Anführung von Klaus, dem Zobel, Eberhard, den Bären und Klaus, den Luchs.

(Soweit die Legende. In Wirklichkeit regiert Eberhard, der Bär, jetzt wieder allein in Kastanien. Klaus, der Zobel, hat eine kleine Wäscherei am südlichen Ende des Reichs aufgemacht. Nur Klaus, der Luchs, wurde fortgejagt. Fragen Sie mich nicht, wie das geschehen konnte.)

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