Kultur : Montag links oben: Wie ich zum Fraulein wurde

Am nächsten Montag: Thea Dorn.<p>Ihr Thema:

Meine beste Freundin hat mir in den letzten drei Jahren nichts zum Geburtstag geschenkt. "Ich hab einfach nichts Schönes für dich gefunden." Und weil sie deswegen ein quälend schlechtes Gewissen hatte, wollte sie in diesem Jahr besonders viel für mich aufwenden. "Ich lade dich ins Vau ein!" Mit einem extravaganten Essen wollte sie alles wieder gut machen. "Das rechnet sich schon irgendwie." Ihr Plan hat nicht funktioniert. Das schlechte Gewissen ist geblieben.

Am Abend stehen wir in meinem Bad und brezeln uns auf. "Kann ich mal deine Wimperntusche haben?" Als wir fertig sind, ziehen wir uns unsere Wanderschuhe an. Damit die Angelegenheit denn doch nicht zu teuer wird, gehen wir lieber zu Fuß. Mit Plastiktüten in den Händen marschieren wir los.

Nach einer Dreiviertelstunde kommen wir hungrig an. Die Schuhe werden ausgetauscht, die bequemen wandern in die Tüte. Schon wird uns die Tür aufgehalten. So ist es recht. "Dürfen wir Ihre Mäntel aufhängen?" Uns wird aus den Jacken geholfen. Die Stühle werden perfekt gerückt und geschoben, "Vielen Dank!" Wir sitzen an einem kleinen Tisch. Direkt neben uns diniert eine Familie aus Amerika. Vater, Mutter und zwei Kinder. Wie international! Ich rauche meine Ich-bin-ganz-entspannt-Zigarette. Darauf freue ich mich seit Stunden. Ich muss nur noch auf meinen Champagner warten. "Ihr Aperitiv." Jetzt geht es los. Meine Freundin zündet ein Streicholz an. Sie hält die flackernde Flamme über den Tisch: "Darf ich dir Feuer geben?" Ich beuge mich vor. Die Flamme berührt fast das Ende meiner Zigarette. Ich atme tief ein und schließe die Augen.

"Fraulein, würde es ihnen etwas ausmachen, nicht zu rauchen?" Das klingt nach einem Befehl, nicht nach einer Bitte. Ich reiße die Augen auf. Die Amerikaner neben uns sprechen also deutsch. Sie haben ihr Besteck hingelegt und sehen uns an. Meine Freundin schüttelt hektisch das Streichholz aus. "Oh yes, shure. No problem!" Wir sind verlegen. Irritiert starren wir auf unsere Servierteller. In großen Buchstaben steht VAU darauf. So groß, dass der Apetizer ganz mickrig aussieht. Die kleine blasse Kellnerin flüstert, was da auf den Buchstaben liegt: "Das ist eine Kleinaufnmiausdrkche!" Meine Freundin und ich lächeln lieb. "Vielen Dank!" Als sie weg ist: "Was hat sie gesagt? Was ist das?" Der Kellner kommt: "Darf ich Ihnen Wasser eingießen?" Seine Hand wirtschaftet ganz dicht vor meinem Gesicht. So dicht, daß ich genau erkennen kann, daß seine Fingernägel bis zum Fleisch abgekaut sind. "Guten Appetit", sagt er.

Sonst haben wir uns immer viel zu erzählen. Aber dieses Mal ist es anders. Irgendwann stehe ich auf: "Ich muss mal für kleine Mädchen." So nennt das meine Tante. Noch immer knabbere ich daran, dass ich "Fräulein" genannt worden bin. Das hat etwas von Kochassistentin, Treppenputzerin, Blaustrumpf und erinnert mich auch an meine Tante. Da kommt mir die kleine bleiche Kellnerin entgegen. Sie trägt unseren Hauptgang vor sich her: "Ich bringe gerade ihr Essen, können sie nicht späzutoilgehn?" "Ich beeile mich!" verspreche ich artig. Was? Was habe ich da gesagt? "Ich beeile mich?" Muss ich etwa im VAU vorher fragen, wenn ich zur Toilette will? Ich hatte extra viel Wasser getrunken, um meinen Ich-entspanne-mich-jetzt-Zigarettenschmacht nicht die Oberhand kriegen zu lassen. Meine Blase platzt fast, und ich sage brav: "Ich beeile mich!" Ich fasse es nicht.

Im Waschraum sehe ich in den Spiegel und hole tief Luft.

Nach dem Hauptgang brauche ich dringend meine Jetzt-muss-ich-mich-aber-wirklich-entspannen-Zigarette. "Ich geh mal eben vor die Tür." Niemand kommt, um mir meine Jacke zu geben. Die Aufmerksamkeit gilt dem englisch sprachigen Nebentisch. Also mache ich mich selber an der Garderobe zu schaffen: "Wo ist bloss meine Jacke?" Endlich kommt Hilfe angehetzt: "Oh nein! Bitte gehen sie nicht einfach an die Garderobe!" Erschrocken springe ich zur Seite: "Verzeihung ..." Hinter mir rumpelt und scheppert es. Die Souvenire in der Vitrine fallen um. Flotte Strandtaschen mit riesigem Aufdruck: VAU. Die Polohemden: VAU. Und Teller: VAU. Erinnerungen zum Mitnehmen. VAU! Damit der zufriedene Gast den entspannten Abend nie vergißt. "Auf Wiedersehen und vielen Dank!" Jetzt ziehen wir unsere Wanderschuhe wieder an.

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