Kultur : Montag links oben: Wo sind wir denn?

Nächste Woche: Else Buschheuer

Es herrscht Verwirrung im Staate Bundesrepublik. Die Verwirrung begann an dem Tag, an dem die ungläubige Öffentlichkeit zum ersten Mal erfahren musste, dass ein paar ihrer christlichsten Staatsmänner jahrelang irgendwelche Koffer mit irgendwelchen Millionen durchs Land getragen hatten. Doch da niemand gern im Stande der Verwirrung lebt, und man an dem einen oder anderen christlichen Staatsmann die eine oder andere Strafsimulation vollzogen hatte, war die Öffentlichkeit bereit, die 30-Millionen-Oper mit dem allseitigen perdono zu beenden. Als nun passend zum Sommeranfang die Verwirrung gerade dabei war, wieder ruhiger Selbstgewissheit zu weichen, tauchte neues Unheil auf: die verschollen gehofften Leuna-Akten! Akten, die die Angst vor den Geistern, die sich in diesen Industrie-Gräbern versteckt halten mögen, größer werden liessen als die Angst vor dem, was in Loch Ness ruht. Kann es denn wirklich sein, dass wir, die Deutschen! die Anständigen! die Ehrlichen! von einer bestechenden, schmierenden, gelderverschiebenden Gangsterbande regiert wurden?

Und als sei das alles nicht genug der staatsbürgerlichen Erschütterung, Verwirrung, Demütigung, müssen wir jetzt auch noch erfahren: Ein deutscher - diesmal kein christlicher, sondern ein sozial orientierter - Politiker gibt zu, einen Killer damit beauftragt zu haben, seine Ehefrau aus dem Weg zu räumen! Seine Ehefrau, seine Ursula, die sich selbst dann noch nicht von ihm scheiden lassen wollte, als seine dreißig Jahre jüngere Geliebte aus dem rohen Russland vor einigen Jahren versuchte, sie im Wald zu erschiessen! Was für ein Mensch muss das sein, der eine Frau ermorden lassen will, die sogar dem angeheuerten Killer so bemitleidenswert erschien, dass dieser es nicht über sein Herz brachte, ihr eine Kugel in ihres zu jagen, sondern lieber zur Polizei ging, um die Geschichte zu beichten! Und all die Kaltblütigkeit nur, weil der - nach ein paar Grundstücks-Unregelmässigkeiten - zum Leiter der "Brandenburgischen Bescheinigungsstelle für Energieleitrechte" degradierte Politiker (Einkommen: 10 000 brutto) unwillig wurde, seine Ursula weiter zu alimentieren, und statt dessen ihre Lebensversicherung kassieren wollte! Was sind das für Zeiten, in denen eine Politikergattin mit solch unfasslichen Sätzen an die Öffentlichkeit treten muss wie: "Mein Mann wäre zurechtgekommen, wenn er nicht so viel Geld für Anwälte, Killer und Detektive ausgegeben hätte." Anwälte! Killer!! Detektive!!! Ja, wo sind wir denn! Hat eine heimliche Kontinentalplattenverschiebung stattgefunden, liegt Potsdam plötzlich auf Sizilien?

Blicken wir für einen Augenblick über die engen Zeit- und Ortsgrenzen unseres erschütterten Landes hinaus. Dann können wir die (erschütternde) Feststellung machen, dass sich der überwältigende Teil der Menschheit in keinster Weise erschüttert zeigt, wenn ihm wieder einmal vorgeführt wird, dass einige seiner Politiker korrupt, blut- und mordlustig sind. Glauben Sie, ein Untertan Heinrichs des Achten hätte mehr Reaktion gezeigt als ein trockenes Achselzucken, wenn bekannt wurde, dass dieser hat die nächste Gattin entsorgen lassen? Wunderten sich die Römer, wenn sich ihre Caesaren bereicherten, dass ihnen das Gold beidseitig zu den Ohren herauskam? Schreien die Kolumbianer, weil ihr Wirtschaftsministerium letztlich ein Drogenministerium ist? Nur wir Kinder der westlichen Demokratien haben uns an den beruhigenden Gedanken gekuschelt, dass wir unsere Politiker wie gezähmte Tiger an der Leine hätten. Zeit, den Kinderglauben ins Bett zu schicken. Der homo politicus wird dem homo corruptus immer verwandter bleiben als dem homo sanctus. Denn wie soll so eine arme Psyche, wenn sie erst einmal zwanzig Jahre Macht gesoffen hat - und sei es der vergleichsweise dünne Fusel, der in Demokratien ausgeschenkt wird - auf Dauer nicht die moralische Bodenhaftung verlieren.

Liebe Mitstaatsbürger! Zwei Dinge sind es, die wir aus der jüngsten Brandenburgischen Blut-und-Seifenoper für die Zukunft lernen sollten. Erstens: Zahlen wir unseren Politikern, auch wenn wir sie wegen Bestechung, Korruption, Vorteilnahme im Amt aus eben demselben gejagt haben, weiterhin genug Geld, damit das Raubtier in ihnen nicht hervorbricht. Zweitens: Vielleicht sollten wir die Regierungsgeschäfte in die Hände von deutschen Killern legen. Offensichtlich scheint in diesem Berufsstand die moralische Bodenhaftung noch besser zu funktionieren.

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