Kultur : Montags links oben: Fun & Fundamentalismus

Nächsten Montag: Else Buschheuer. Ihr Thema:

Das fängt ja gut an. Während 45 zum äußersten entschlossene Frauen sich in einem Kölner Hotel den Mut anschwipsen, den sie für die größte Herausforderung ihres Lebens brauchen (Ja! 2001 heirate ich einen Millionär!), treibe ich in meiner Berliner Badewanne dem Millenniumswechsel entgegen. Die gelbe Plastikente treibt mit. Hält sie um Null Uhr ihren Schnabel über Wasser, kommt ein gutes Jahr. Schnabel unter - schlechtes Jahr. Andere Leute gießen Blei. Kurz vor Mitternacht klingelt das Handy.

Ich höre die verzweifelte Stimme einer Freundin sagen: "Du musst mir helfen! Ich weiß noch immer nicht, was ich mir fürs neue Jahr vornehmen soll." "Du könntest dir vornehmen, einen anonymen Millionär zu heiraten." "Bist du bescheuert?" "Du kannst dir ja vornehmen, einen Schwerverbrecher zu heiraten." (Wetten, dass auch in dieser Show 45 Frauen beteuern werden, Vertrauen sei für sie in einer Partnerschaft das absolut total Wichtigste?)

"Ich will nicht heiraten." "Dann nimm dir halt vor, ein anständiges Verbrechen zu begehen." Ich lasse die Stimme der Freundin ins Wasser fallen. Die Ente kentert, doch das war vorhersehbar. Anständiges Verbrechen begehen. Das sagt sich leicht. Was kann es sein, das anständige Verbrechen 2001?

Mit BSE müsste es zu tun haben. Wenn selbst im fernen Kanada die Hirsche dem Hirschwahn verfallen, sollte sich in deutschen Ställen auch der Hühner-, Schweine-, Lämmerwahn entfachen lassen. Schade, dass die Freundin keine geniale Laborbastlerin ist. Vielleicht sollte sie doch den Millionär heiraten und ihn in der Hochzeitsnacht über den Styx reiten. Aber vermutlich braucht es dazu einen echten achtzigjährigen Milliardär. Und so es diesen hierzulande überhaupt gibt, kommt er sicher aus einer zu alten Familie, als dass er sein Frischfleisch im TV-Shop kaufen würde.

Die Ente grinst, als ich sie beim Versuch, das Handy zu bergen, untertauche. Eine Kette feiner Luftblasen steigt auf. Die Ente leckt. Und das Handy will auch nicht mehr. Also kann ich die Freundin nicht anrufen und ihr sagen, dass sie sich einfach vornehmen soll, am nächsten verkaufsoffenen Sonntag die Potsdamer-Platz-Arkaden in die Luft zu jagen. Solutions for a small planet.

Über die sinkende Ente und die abgesoffene Freundin hinweg versuche ich ins nächste Jahr zu schauen. Auf welche Verbrechen wird unsere kleine Welt verfallen?

Boris Becker bekommt das Sorgerecht für seine Kinder zugesprochen, Barbara Ex-Becker schreitet zur Medea-Lösung. Irgendein John oder Harry oder Hugo hat im dritten Brother-Container genug vom Nominieren und geht ans Terminieren. Christoph Daum lockert Bertis Obstgarten mit einer Handvoll Schnee auf. Jenny Elvers schickt Heiner Lauterbach und Alex Jolig zum gemeinsamen Tauchurlaub nach Jolo, weil keiner von beiden Alimente fürs Kind zahlen will. Ein arbeitsloser Fliesenleger aus Ingolstadt kidnappt Günther Jauch, weil er glaubt, der könne ihm verraten, welche Durchschnittstemperatur der Titicacasee im November hat.

Ach, Ferdinand - so heißt die Ente - was soll werden? Die Geschichten von großen Verbrechen, die von großen Einzelnen begangen wurden, taugen bloß noch fürs schwarze Poesiealbum. Der Mensch schrumpft. Auch die Epen über Familien, die einzig und allein vom Glauben an das gute, schöne, wahre Verbrechen zusammengehalten wurden, haben in Zeiten der Leitkultur, die noch die sizilianischsten aller Paten zu schwäbischen Staubsaugervertretern integriert hat, nur mehr nostalgischen Wert.

Das wahre Verbrechen des 21. Jahrhunderts wird der Terrorismus sein. Fun und Fundamentalismus seine beiden Motoren. Im ärmeren Teil der Welt werden es die Fanatiker, im reicheren Teil wird es die Generation Fanta sein, die die frei herumliegenden Lunten anzündet. Spaß ist, was ihr draus macht. Palästinensertuchträger und Prada-Junkies aller Länder werden sich nicht vereinigen und trotzdem an derselben Apokalypse basteln. Vom Volkslauf zum Amoklauf. Vom Global Village zum Global Fight-Club. Autobomben für Ideologien. Giftgas gegen Langeweile. Macht kaputt, was euch satt macht. Eins vor Mitternacht. Noch fünfzig Sekunden. Die Ente sinkt. 3, 5 Millionen pyrotechnisch hochgerüstete Berliner treten auf ihre Balkone. Vielleicht passiert es ja gleich: das Verbrechen des Jahres 2001.

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