Kultur : Montags Waffenhändler (Kommentar)

Peter von Becker

Ein kleiner dicker Mann in Kanada, so heißt es gallig immer wieder, treibt mit seinen Andeutungen, Enthüllungen, Verdächtigungen eine große deutsche Volkspartei vor sich her. Das sei unerträglich, das habe auch der große dicke Mann nicht verdient. Aber was hat hier wer, im doppelten Sinn, überhaupt verdient? Soviel ist trotz brutalstmöglicher Aufklärung noch ungeklärt, und manche meinen, dass die CDU-Parteiaffäre erst das Vorspiel sei zum CDU-Regierungsskandal. So lange aber Kohl schweigt, so lange Akten verschwunden und die Ergebnisse internationaler Ermittlungen noch verborgen sind, bleibt auch Herr Schreiber in Kanada ein dickes Salzkorn in der trüben Suppe. Zumal er diese geheimnisumwitterte Berufsbezeichnung "Waffenhändler" trägt.

Ein Waffenhändler ist eben mehr als nur ein Kofferträger. Wobei die Koffer hier ohnehin überschätzt werden (eine Million in Tausendern passt auch in eine größere Damenhandtasche). Allerdings hätten wir uns den Waffenhändler etwas anders vorgestellt als jenen Karlheinz Schreiber, von dem man, wenn er so teigig-nuschelig dahersalbadert, gar nicht weiß, wozu es ihn auf dem internationalen Rüstungsparkett eigentlich braucht. Einmal hat Herr Schreiber sogar im Fernsehen beteuert, er habe noch nie im Leben eine Waffe verkauft. Das haben wir auf Anhieb geglaubt. Oder würden Sie von ihm einen gebrauchten Panzer kaufen?

Trotzdem gilt er, der Ex-Spezi von Franz Josef Strauß, als Waffenhändler. Und das Bild von aasigen Abenteurern, die zwischen Kaukasus und Kandahar ein paar verwegenen Gesellen mit Ziegenbärten und Kohleaugen einen Sack Flinten oder eine Ladung Panzerfäuste rüberschieben, ist wohl nur verspäteter Karl May. Oder romantisierter Rimbaud. Der geniale Franzose, der im Alter von 17 zu einem der Gründungsväter der modernen Lyrik wurde und mit 19 zu dichten aufhörte, verschwand plötzlich nach Afrika. Anfangs hatte er in dunkel strahlenden Gedichten den Kampf der Pariser Kommunarden besungen. Gegen Ende seines kurzen Lebens verkaufte er in Abessiniens Wüste und an der Somaliküste europäische Waffen und erwarb dafür Kaffee, Elfenbein und Moschus. Er soll auch mit Sklaven gehandelt haben. Das war nicht schön. Aber Rimbaud starb 1891, früh und verzweifelt.

Der berühmteste Waffenhändler unserer Zeit heißt Adnan Kashoggi. Als Arabiens schwarze Quellen zu sprudeln begannen und es Öl für Tanks und Tornados gab und noch den Rüstungswettlauf mit den russischen Migs, da verdiente Herr Kashoggi viel Geld und Glamour. Mal hieß es, seine schöne Tochter solle Gadhafi heiraten, dann finanzierte er den Aufstieg des Vaters von Prinzessin Dianas späterem Dodi, ließ sich von seiner Frau Soraya für eine Milliarde scheiden, geriet in geschäftliche Schwierigkeiten, prellte Hotel-Zechen, kam wegen Hehlerei in den Knast, weil er von Frau Marcos ein paar Gemälde gekauft hatte: Monets, Renoirs, Picassos, die nun dem philippinischen Staat gehörten. Heute lebt Herr Kashoggi als Rentier in Marbella, und von Waffen weiß er überhaupt nichts mehr.

Das Faszinierende der Branche ist ja das moralisch Anrüchige. Wer mit Waffen handelt, gilt als Mordhelfer oder Kriegsgewinnler. Oder als Freund von Drittweltdiktatoren, die ihre Völker hungern lassen und ihre Leibgarden füttern. Aber die militärisch-industriellen Komplexe, die 1999 von weltweit etwa 1,4 Billionen Mark Rüstungsausgaben profitierten, bedienen sich zur geschäftlichen Unterstützung wohl nur in Ausnahmefällen noch schillernder, also auffälliger Figuren. Brecht und Max Frisch hatten das Prinzip schon auf die Formel gebracht: Ein Bankengründer ist effektiver als ein Bankräuber, im Biedermann steckt der bessere Brandstifter. So wird auch aus dem Waffenhändler ein Lobbyist.

Leider wirkt das dann weniger dramatisch - und wir sind wieder bei Karlheinz Schreiber. Oder bei Frau Hürland-Büning, einst Staatssekretärin im Bonner Verteidigungsministerium. Warum die korpulente Ruhrpott-Mutter als Pensionistin der Rüstungsindustrie noch Millionen wert war, scheint schwer begreiflich. Doch beim Geld gilt das Realitätsprinzip. Also trügt der Schein. Und unsere einzige Gewissheit bleibt: Wenn die Wände zu Hause bei Herrn Schreiber oder Frau Hürland reden könnten, hätten sie einiges zu erzählen. Aber, würden sie rufen, ein Monet oder ein Renoir, hat an uns noch nie gehangen!

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