Kultur : Montezumas Atem

Die grandiose Berliner Azteken-Ausstellung lässt eine Hochkultur wiedererstehen

Ulrich Clewing

Der Franziskanermönch Bernardino aus dem nordspanischen Sahagún war ein Missionar, wie man ihn sich nur wünschen konnte: tief religiös, aber zum Glück auch ungewöhnlich wissbegierig. Und weil er sehr wohl sah, was um ihn herum geschehen war, setzte sich der hellhäutige Fremde aus dem fernen Europa mit den Stammesältesten und Schriftgelehrten zusammen, und ließ sie ihre eigene Geschichte aufschreiben – damit wenigstens etwas den irrwitzigen Furor überdauerte, der ein paar Jahre zuvor das Land in Schutt und Asche gelegt hatte.

Um ein Haar wäre es auch dafür schon zu spät gewesen. Die Gier, der religiöse Fanatismus, die Brutalität und das Verhandlungsgeschick der Eroberer waren so groß, dass 24 Monate genügten, um eine der Hochkulturen der Welt fast vollständig auszulöschen und nur noch in der Erinnerung fortleben zu lassen. So aber wurde Bernardino de Sahagúns zwischen 1545 und 1565 verfasste Bilderhandschrift „Historia General de las Cosas de Nueva Espana“ zu einer der wichtigsten historischen Quellen überhaupt. Ohne dieses mehrbändige Werk wüsste man noch weniger über Sitten und Gebräuche im untergegangenen Reich der Azteken, als es ohnehin der Fall ist.

Götter aus dem Geröll

Licht in das Dunkel dieser mittelamerikanischen Kultur zu bringen, ist das Ziel der großen Azteken-Ausstellung, die von heute an im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen ist. Dabei handelt es sich um die umfangreichste Schau zur Ursprungskultur Mexikos, die je in Europa stattgefunden hat. Sie wurde zuvor in der Londoner Royal Academy gezeigt, wo sie 640000 Besucher anlockte. Für Berlin aber hat man die hier von den Festspielen und den Staatlichen Museen organisierte Ausstellung noch um etwa fünfzig Objekte aus dem Ethnologischen Museum in Dahlem ergänzt. Hinzu kommt, dass etliche Stücke aus Ausgrabungen der jüngsten Vergangenheit stammen und daher in Mexiko selbst noch nicht gezeigt wurden – weshalb man über diese Ausstellung durchaus in Superlativen sprechen kann.

Die rund 450 Werke aus den Künstlerwerkstätten der Azteken sowie der benachbarten, zum Teil um einiges älteren Völker im Lichthof und im Erdgeschoss des Martin-Gropius-Baus sind von derart exquisiter Qualität, dass es einem schier den Atem verschlägt. Feinster Goldschmuck, wundervoll behauene Steinskulpturen, Plastiken aus Terrakotta und bilderreiche, gewissermaßen postum entstandene Codices geben einen lebhaften Eindruck von der Pracht und Komplexität der aztekischen Kultur.

Als die spanischen Konquistadoren um Hernando Cortez 1519 zum ersten Mal die Stadt Tenochtitlan (heute Teil von Mexico City) sahen, meinten sie, sie träumten. Der Anblick musste ihnen nach der entbehrungsreichen Überfahrt und den Stationen in kargen hispanischen Vorposten wahrhaftig wie eine Vision erscheinen: Auf einer Insel, ganz von Wasser umgeben und vom Land aus nur über künstlich angelegte Dämme zu erreichen, erhoben sich auf einer Fläche von ungefähr einhundert Quadratkilometern Tempel, Paläste und Wohnbauten einer Metropole, die monumentaler, größer und dichter besiedelt war als alle Städte des alten Europa.

Später, zum Beispiel in der Tempelstadt Teotihuacan mit ihren Versammlungsorten für bis zu 200000 Menschen, wird es den Eroberern nicht viel anders gegangen sein – was sie freilich nicht daran hinderte, diese Stätten der Weltkultur innerhalb kürzester Zeit auszurauben und dem Erdboden gleich zu machen. Den Ausstellungsmachern ist es gelungen, die Katastrophe, die sich damals ereignete, mit einem kleinen, eher unspektakulären Arrangement sinnfällig und unaufgeregt darzustellen. Am Ende des Rundganges liegt in einer der Vitrinen neben zwei virtuos geformten goldenen Figürchen ein grober, länglicher, ebenfalls goldener Klumpen: einer der Goldbarren, den die Konquistadoren mit nach Hause brachten, nachdem sie die aztekischen Kunstgegenstände eingeschmolzen hatten.

Die Ausstellung führt jedoch nicht nur den Glanz und das Schicksal einer zerstörten Kultur vor, sie unternimmt auch den Versuch, unser Bild von den Azteken zu korrigieren. Hierzulande stellt man sich die Bewohner Mexikos um 1500 allzu gerne als auf den ersten Blick vielleicht hoch stehendes, letztlich aber doch unglaublich blutrünstiges Volk vor. Und es ist auch gar nicht zu bestreiten, dass es im aztekischen Reich grausame Riten, Massenmorde und religiös motivierte Menschenopfer gab. Doch weisen Fachleute heute darauf hin, dass die ausführlichen Schilderungen dieser Greueltaten durchaus mit Vorsicht zu genießen sind.

Denn die Überlieferungen gehen ausnahmslos auf die wahrlich nicht zimperlichen Spanier zurück, oder auf Erzählungen von zum Christentum bekehrten Azteken, die es den neuen Herren damit möglicherweise besonders recht machen wollten. Hier setzen die Ausstellungsmacher einen Kontrapunkt, indem sie den Auftakt der Gottheit Xochipilli widmen – dem „Blumenfürst“, der in der aztekischen Mythologie der Schutzpatron des Gesanges, des Tanzes und der schönen Künste ist. Breiten Raum nimmt die Darstellung der komplizierten, grundsätzlich dualistischen aztekischen Kosmologie ein. Für die Azteken und ihre Religion spielten Lebewesen aller Art eine besondere Rolle. Adler, Schlangen, Affen, Frösche, aber auch Mischwesen wie gefiederte Schlangen, denen man im Gropius-Bau in hinreißender künstlerischer Qualität begegnet, waren Symbole, die der christlichen Ikonografie vergleichbare Funktionen besaßen. Darüber hinaus kannten die Azteken natürlich Kalender und ausgetüftelte Zahlensysteme, auch der menschliche Körper und seine Organe waren beseelt und Bestandteil eines äußerst elaborierten religiösen Weltbildes.

Barbaren aus dem Norden

Und so fremd einem dieses Weltbild zunächst vorkommen mag, so vertraut ist die kulturelle Praxis, wenn man genauer hinschaut. Dazu muss man wissen, dass die Azteken in ihrer etwa zweihundertjährigen Hoch-Zeit ab 1300 ein relativ junges Volk waren. In den Augen der älteren Völker, wie etwa der Tolteken, waren sie die Barbaren aus dem Norden. Um die strenge Tributherrschaft, mit der sie ihre Nachbarn überzogen, zu rechtfertigen, erfanden sie einen Gründungsmythos mit einer Vielzahl an Göttern und Halbgöttern, von denen sie sich selbst ableiteten. Eine Taktik, die auch in Europa von der Antike an bis in den Spätbarock gang und gäbe war – man denke nur an die unzähligen „Kaisergalerien“ mit Büsten römischer Herrscher in deutschen Fürstenschlössern oder auch in den Rathäusern von Bürgerstädten wie Augsburg oder Nürnberg.

Dass die Azteken-Ausstellung in Berlin gezeigt wird, hat im Übrigen noch einen tieferen Sinn. Seit den Reisen Alexander von Humboldts war Berlin Geburtsstätte und Zentrum der neueren mesoamerikanischen Forschung. Es waren Gelehrte wie Eduard Seler (1849–1922), ab 1903 Leiter der Amerika-Abteilung des damaligen Königlichen Museums für Völkerkunde in Berlin, welche Humboldts Entdeckungswerk aufnahmen und weiterführten und dafür sorgten, dass die Berliner Sammlungen noch heute als die besten außerhalb von Mexiko gelten dürfen. Auch daran erinnert diese Schau, die unsere überkommene Vorstellung von den Azteken so nachhaltig verändert.

Martin-Gropius-Bau, Niederkirchnerstraße 7, bis 10. August; anschließend Bundeskunsthalle Bonn. Katalog bei DuMont, 550 S. brosch. 29,90 €, im Buchhandel geb. 98 €.

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