Kultur : Monumentaler Raum der Stille

CLAUS KÄPPLINGER

Orte der Begegnung will der Architekt Axel Schultes schaffen.Bauwerke, die berühren können, die der Flüchtigkeit einer zunehmend virtuellen Welt Ruhe entgegenstellen.Um existenzielle Befindlichkeiten geht es ihm, der wiederkehrend mit mächtigen Säulenwäldern, Treppenkaskaden und monolithischen Wänden einer Architektur der Archaik folgt.Mit seinem jüngsten Werk, dem neuen Krematorium am Baumschulenweg in Berlin-Treptow, wandte der er sich nun der tiefsten menschlichen Begegnung zu, der Konfrontation mit dem Tod.

"Einen Ort der Ruhe, einen Raum der Stille" wollte Axel Schultes schaffen, "der das Vergängliche und das Endgültige des Ereignisses ausbalanciert, der das Schwere deutlich und das Leichte möglich macht." Monumental steht sein Krematorium am Eingang des Friedhofs, ein gewaltiger Schrein reiner Geometrie, der sich maßstabs- und zeitlos inmitten alter, baumbekrönter Gräberfelder erhebt.Ein überwältigendes memento mori, das sich nicht unmittelbar erschließt, nicht Schicht um Schicht maurerhaft gefügt wurde, sondern aus einem einzigen massiven Quader geschluchtet, geschlitzt und gehöhlt zu sein scheint.

Nach einer würdevollen Annäherung verlangt dieser Monolith aus Beton, auf den ein weiter, mit Linden bepflanzter Vorplatz frühzeitig einstimmt.Mit einem wohldosierten Niveausprung von mehr als einem Meter sucht er Distanz zur Außenwelt.Mit strenger Symmetrie schafft er sich ein ihm ganz eigenes Zeitmaß der Stille.Drei gewaltige, haushohe Einschnitte öffnen den Monolithen zum Platz hin: Im Zentrum ein fast bedrängend eng wirkender Schlitz, der weniger funktional als symbolisch eine mögliche Passage zum Totenreich faßt, an beiden Enden zwei nicht minder tief in den Körper eingeschnittene, überaus weite Vorhöfe.

Eingerahmt von gewaltigen Wänden und scheinbar freischwebenden Deckenplatten, bieten sie sich den Trauergästen mit ihren großzügigen Freitreppen und Terrassen als erste Orte der Versammlung an.Zwei Kuben, zwischen den gewaltigen Öffnungen eingestellt, wahren dabei die Kontinuität des Körpers.Ihren haushohen Glasfronten stehen breite Lammellenhäute aus bläulich kühlen Metall vor, die den Trauernden Schutz vor ungewollten Einblicken bieten.Denn hier befinden sich beiden kleineren der drei Abschiedskapellen, die sich jedoch erst nach Durchschreiten der niedrigen Eingangspforten als drei Häuser an einem überraschend weiten, völlig im Innern geborgenen Platz zu erkennen geben.

Stellt in den Vorhöfen ein schmales, durch das Haus hindurch reichende Lichtband in der Decke eine erste visuelle Verbindung zu jenem Platz wie ebenso zum Himmel her, so spannt sich hier über nahezu quadratischer Grundfläche ein lichter Sternenbaldachin aus nacktem Beton, dessen 29 mächtige, frei um die Mitte wirbelnde Säulen mehr gewaltigen, zum Himmel greifenden Fingern gleichen als statisch notwendigen Stützen.

Die "Lichtkapitelle" seines Bonner Kunstmuseums abwandelnd, reduzierte Axel Schultes die Verbindung der Stützen zur gewaltigen Decke auf jeweils einen einzigen, vom Besucher kaum mehr wahrzunehmenden Kragarm.Nahezu ungestört vermag das Tageslicht über den Rundstützen durch kreisrunde Öffnungen in den Raum zu gelangen und die Düsternis des Ereignisses zu mildern.Mit seiner wechselnder Intensität stimmt es die Trauergäste auf eine Atmosphäre wohlbehüteten Übergangs in eine andere Welt ein.

Mit einer kleinen Geste in der Mitte des Platzes gelangt denn auch hier das Ende wieder zu seinem Anfang zurück, schließt sich der Kreis des Lebens mit einem schwebenden Ei über einer kreisrunden, in den Boden versenkten Wasserschale - einem alten heidnischen Symbol der Wiederkehr.Der ungewöhnliche Rückgriff auf eine vorchristliche Symbolik ist zugleich ein hintersinniger Kommentar auf die von den Kirchen nur geduldete Feuerbestattung und die wachsende Zahl der neuen "Großstadtheiden".Schließlich werden heute bereits in Berlin bis zu 75 Prozent der Toten eingeäschert.Mit "Orpheum" benennt denn auch Schultes sehr programmatisch den Geist seines Krematoriums nach dem unverzagten heidnischen Sänger.

Es ist sind heidnische Tempel, die Monumentalbauten des alten Ägyptens und Roms, die Axel Schultes mit primärer Großgeometrie wiederaufleben läßt, die aber auch von ihm mit der Materialität der Moderne, dem amorphen Beton und kristallinen Glas verwandelt werden.Den großen, die mächtigen Wände gliedernden Nischen stehen so wiederkehrend große Glasflächen gegenüber, die in den Beton scharf und bündig einschneiden und ein Raumkontinuum zwischen Außen und Innen herstellen, das der alten Architektur unbekannt war.Klassische Symmetrie und Axialität prägen zwar die ganze Anlage, doch auf dem Weg zu den drei Häusern des Abschieds fühlt sich der Besucher hier gleich mehrfach gezwungen seine Wegrichtung zu ändern und seinen Ort stets individuell neu zu erkunden.

Unschätzbar, was damit Axel Schultes und seiner Partnerin Charlotte Frank wider einen auf Rentabilität fixierten Bauherrn gelang, von dem die Stadt das Gebäude nur mehr "least"; auch dies ein Ausdruck des heutigen Verfalls öffentlicher Baukultur.Jenseits der Logik von Organisation und Ökonomie gewährt nun das Krematorium nicht nur reichlichen öffentlichen Raum, sondern verleiht auch dem letzten Abschied der Lebenden von ihren Toten wieder eine Würde, wie sie angesichts der üblich gewordenen nüchternen Abfertigungsmechanik kaum mehr möglich schien.

Von der logistischen und hygienischen Dimension des Todes in der Großstadt bleiben die Trauernden in Berlin-Treptow verschont.Nichts verrät ihnen, was sich in der Unterwelt mit kalter Rationalität ereignet, wo es einem weitgehend automatisierten Zwischenlager für 700 Särge und drei Verbrennungsöfen vorbehalten bleibt, die jährlich erwarteten 12 000 Einäscherungen zu bewältigen.Ein erschreckender Kontrast, den jedoch auch die Architekten anderer bedeutender Krematorien des Jahrhunderts nicht auflösen konnten - weder Peter Behrens in Hagen, noch Clemens Holzmeister in Wien oder Gunnar Asplund in Stockholm.

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